Autorin Peggy Parnass: Mutter Courage und „süchtig nach Leben“

Hamburg (APA/dpa) - Über ihre Kindheit spricht Peggy Parnass, die am 11. Oktober Geburtstag hat, nicht. „Alles, was ich zu sagen habe, habe ...

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Hamburg (APA/dpa) - Über ihre Kindheit spricht Peggy Parnass, die am 11. Oktober Geburtstag hat, nicht. „Alles, was ich zu sagen habe, habe ich aufgeschrieben. Das war schlimm genug“, sagt die streitbare Autorin, die in den 1970er und 80er Jahren durch ihre Gerichtsreportagen berühmt wurde. Die schlimmen Erinnerungen an ihre „Mutti“ und ihren im KZ ermordeten Vater „Pudl“ finden sich im Buch „Unter die Haut“ (1983).

Jetzt erscheint das Kapitel „Kindheit“ als Neuausgabe mit leuchtenden Farbholzschnitten der brasilianischen Künstlerin Tita do Rego Silva im Fischer Verlag (Frankfurt am Main). „Meine Eltern haben weder Grab noch Grabstein. Aber jetzt dieses wunderbare Buch zu ihren Ehren“, sagt Peggy Parnass, die am Samstag mindestens 80 wird, ihr wahres Alter aber nicht verrät, im dpa-Interview.

Die Originalausgabe erschien 2012 in limitierter Auflage in der Edition Klaus Raasch und wurde von der Stiftung Buchkunst als eines der „Schönsten Bücher 2013“ ausgezeichnet. In bewegenden Worten erzählt Peggy Parnass darin von ihrer behüteten Kindheit in Hamburg, von der großen Liebe ihrer Eltern, den ersten Anfeindungen gegen Juden bis zu dem schrecklichen Tag im Jahr 1939, als ihre Mutter sie und ihren vierjährigen Bruder mit einem Kindertransport nach Stockholm schickte.

„Die ersten Jahre meines Lebens waren durch die Liebe meiner Eltern sehr schön. Die Zeit danach war ein einziger Albtraum“, sagt Parnass, die alle nur Peggy nennen und die alle Menschen, die sie kennenlernt, nach schwedischer Art duzt. In Schweden wird sie von ihrem Bruder getrennt, lebt in zwölf verschiedenen Pflegefamilien. Als Heiligstes bewahrt sie Briefe und Fotos von ihrer Mutter in einem Schuhkarton auf, darunter die letzten Postkarten aus dem Warschauer Getto mit den Worten „Auf Wiedersehen! Schalom! Wir lieben Euch! Wir denken immer an Euch! Seid brav und nicht traurig!“. Weil sie davon angeblich trübsinnig wird, verbrennt ihr Vormund den Karton samt Inhalt.

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Nach dem Krieg lebt Peggy Parnass drei Jahre mit ihrem Bruder bei ihrem Onkel in London, danach studiert sie in Stockholm, London, Hamburg und Paris und wird mithilfe der Schauspiellehrerin Margot Höpfner in zwölf Tagen Schauspielerin - das Metropolis Kino zeigte gerade ihre Kurzfilme „Zwei“ und „Mauerblume im Ballhaus Paradox“.

Eigentlich will sie nie nach Deutschland zurück, bleibt aber bei einem Besuch ihrer Cousine in Hamburg hängen und „traf dort lauter dufte Leute, alles Linke, Antifaschisten und Widerstandskämpfer“. Mit dem Schriftsteller Peter Rühmkorf, „Konkret“-Gründer Klaus Rainer Röhl und Dick Busse lebt sie in einer Wohngemeinschaft, zusammen gründen sie eine Studentenbühne und machen politisches Kabarett.

Peggy Parnass hat Wut im Bauch, Ungerechtigkeiten kann sie nicht akzeptieren. Sie engagiert sich politisch, ist in zahlreichen Protestbewegungen aktiv, „weil es der Selbstrespekt verlangt, den Versuch zu machen, etwas zu bewegen“. 17 Jahre lang schreibt sie Gerichtsreportagen für die linke Zeitschrift „Konkret“, in denen sie sich als mutige und scharf beobachtende Moralistin erweist. Ihr Buch „Prozesse 1970-1978“ wird vielfach ausgezeichnet. „Eigentlich wollte ich über NS-Prozesse schreiben. Aber von den mehr als 500 Prozessen, über die ich berichtet habe, waren nur drei NS-Prozesse.“

Es folgen autobiografisch geprägte Anthologien („Unter die Haut“, 1983, „Süchtig nach Leben“, 1990), in denen sie von ihrem Leben voller Leidenschaft berichtet. Am 30. November 2014 präsentiert sie einige davon zusammen mit dem Schauspieler Burghart Klaußner in den Kammerspielen. Was gab ihr die Kraft, immer weiterzumachen? „Meine unbändige Freude am Leben“, lautet ihre Antwort.


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