Spielraum auf der Lebenslinie

In Sabine Gisigers Kinoporträt erzählt Irvin D. Yalom von der Arbeit am Glück.

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Innsbruck –Der US-amerikanische Psychotherapeut Irvin D. Yalom lässt seine Patienten eine Linie zeichnen. Am Anfang steht die Geburt, am Ende der Tod. Das ist die leichte Übung. Das Problem beginnt mit der Festlegung des aktuellen Aufenthaltsortes auf dieser Linie. Dabei macht sich ein großzügig angelegter Strich bezahlt, beispielsweise für Krebspatienten, die Yalom bevorzugt zu behandeln scheint. Hinter dem eingezeichneten Punkt sollte noch ein Spielraum sein, da der Therapeut erst jetzt die entscheidende Frage stellt: „Gibt es Dinge, die Sie bedauern, getan oder nicht getan zu haben?“ Es ist nicht schwer zu erraten, dass der Rest der abstrakten Lebenslinie dem eigenen Kennenlernen und notwendigen Reparaturarbeiten reserviert werden sollte. Strahlend und glaubhaft kann ein Patient dann in einer Archivaufnahme versichern, todkrank geworden sein zu müssen, um glücklich zu werden.

Die Schweizer Dokumentarfilmerin Sabine Gisiger, die in ihrem Kinofilm „Gambit“ (2000) die Dioxonkatastrophe von Seveso als spannenden Thriller und in „Guru – Bhagwan, His Secretary & His Bodyguard“ (2008) die esoterischen Fluchtversuche einer verunsicherten Generation in die Arme eines indischen Scharlatans als Satire erzählte, zeichnet in „Yaloms Anleitung zum Glücklichsein“ eine elegante Linie, auf der Irvin D. Yalom sein Leben erzählt. Allerdings gehört der Arzt, Psychotherapeut und Autor einiger Weltbestseller („Und Nietzsche weinte“) zu den wenigen Menschen, die nichts zu bereuen haben.

Info

Yaloms Anleitung zum Glücklichsein: Ab 14 Jahren im Cinematograph Innsbruck

Yaloms Eltern emigrierten in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten, ohne sich verbessern zu können. Der jüdisch-russische Hintergrund zwang den Heranwachsenden zu besonderem Ehrgeiz. In Washington DC, wo die Eltern ein Lebensmittelgeschäft betrieben, terrorisierten Rechtsradikale die Nachbarschaft. Auf der medizinischen Fakultät musste Yalom der Beste sein, da Juden nur fünf Prozent der Studierenden ausmachen durften. Das war der amerikanische Antisemitismus in den 50ern. Dafür traf Yalom bereits als 15-Jähriger Marilyn, von der er sofort wusste, dass sie für den Rest des Lebens seine Frau sein würde. Irvin und Marilyn, eine Kapazität der Genderforschung, sind seit 60 Jahren miteinander verheiratet. Aber was ist der Sinn des Lebens? Jeder lebt in seiner Isolation. Der einzige Trost ist die Erkenntnis, es geht jedem so. Eine bessere Nachricht gibt es nicht. (p. a.)


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