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25 Jahre Mauerfall - Was von den Ideologien übrigblieb

Wien/Berlin (APA) - 28 Jahre lang trennte sie als Sinnbild einer in ideologische Blöcke erstarrten Welt die Hauptstadt des geteilten Deutsch...

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Wien/Berlin (APA) - 28 Jahre lang trennte sie als Sinnbild einer in ideologische Blöcke erstarrten Welt die Hauptstadt des geteilten Deutschlands, bis die Berliner Mauer am 9. November 1989 fiel. 25 Jahre danach ist die Euphorie über das Ende des Kalten Krieges der Ernüchterung über das Aufkommen radikaler Strömungen gewichen, die das ideologische Vakuum füllen, war der Tenor einer Diskussion am Montagabend in Wien.

„1989 brachte einen scheinbaren Sieg der Demokratie, der Menschen- und Bürgerrechte, aber was es nicht gebracht hat, ist eine soziale, gerechtere Entwicklung in der Gesellschaft. Darum ist auch das jetzige Jubiläum keinesfalls positiv besetzt“, sagte der Historiker Oliver Rathkolb von der Universität Wien im Rahmen eines vom Wissenschaftsministerium veranstalteten „Science Talk“.

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Stattdessen habe der folgende Siegeszug der Globalisierung mit vermehrten sozialen Konflikten schon bald seine Schattenseiten offenbart. „Das ist für mich die Grundbasis - provokant gesagt - für die Rückkehr der Diktatur seit 2006/2007“, spielte Rathkolb auf entsprechende Tendenzen etwa in Ungarn oder Russland an, aber auch auf eine Umfrage in Österreich, die mit dem Wunsch jedes vierten Befragten nach einem starken Führer autoritäres Potenzial offenbarte. „Unser Problem ist, wir haben eigentlich keine Ideologie“, ortete der Historiker angesichts von Wahlkämpfen in Europa, die jeweils nur auf „die Mitte und auf die Persönlichkeit“ abzielen würden, ein zentrales Problem in der Gegenwart.

Der Begriff der Ideologie selbst ist der Politikwissenschafterin Ljiljana Radonic zu unpräzise, sie plädiert dafür, als Kontrapunkt die Ideologiekritik zu setzen: „Der Ideologie geht es ja immer um das Kollektive, während wir als Gegenstück das Individuum einfordern sollten.“ Einem Wunsch nach mehr Ideologie kann Radonic insofern nicht zustimmen. Die autoritären Führungsstile etwa des ungarischen Premiers Viktor Orban und des russischen Präsidenten Wladimir Putin seien auf jeden Fall unter dem Thema Ideologie zu verhandeln. Die Frage sei, wie sich Putins aggressiver Nationalismus, dessen „Rückgriff auf den Stalinismus und frühere russische Geschichtsmythen“, auf die Nachbarstaaten auswirke: „Das massenpsychologische Element ist ganz wichtig.“

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Putins Politik hat für die freie Journalistin Susanne Scholl aber nichts mit Ideologie zu tun, sondern nur mit Machterhalt und Kontrolle des ehemaligen KGB-Mitarbeiters, der den Zusammenbruch der Sowjetunion einmal als die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hat. In das „enorme ideologische Vakuum“ im postsozialistischen Osteuropa sei alles hineingeronnen, was da war, von fanatischen Religionsextremisten, Nationalisten bis zu xenophoben und antisemitischen Strömungen.

Für den deutsch-ägyptischen Politologen Hamed Abdel-Samad ist das starke Wiederaufleben islamistischer Strömungen nach dem Arabischen Frühling einerseits mit fehlenden Ideologien, andererseits auch mit dem „Phänomen der Verspätung“ zu erklären. „Nationen, die unzufrieden sind mit dem Lauf der Geschichte und ihrer Rolle, sind anfällig für das Wiedererstarken von Islamismus und Nationalismus“, so Abdel-Samad.

Obwohl die große Mehrheit der Bürger in der arabischen Welt eindeutig für die Demokratie sei, scheitere es an deren Mobilisierung und an der Umsetzung entsprechender Konzepte - ein Problem, das radikalislamische Gruppierungen nicht hätten mit ihren kurzfristigen, wenn auch diffusen Versprechungen nach Rache am Westen und paradiesischen Verheißungen. Einfache Antworten verbunden mit einem gemeinsamen Feindbild innen und außen würden im Kontext eines hohen Anteils an unter 30-Jährigen und hoher Jugendarbeitslosigkeit eine explosive Mischung ergeben.


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