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Kampf um Kobane - Fanal für die Kurden

Diyarbakir (APA) - Die Verteidigung der syrisch-kurdischen Grenzstadt Kobane ist zu einem Fanal für den Kampf der um Selbstbestimmung ringen...

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Diyarbakir (APA) - Die Verteidigung der syrisch-kurdischen Grenzstadt Kobane ist zu einem Fanal für den Kampf der um Selbstbestimmung ringenden Kurden geworden. In den türkischen Kurdengebieten hat die Massenflucht der von der Terrormiliz IS bedrängten Volksangehörigen eine Welle der Solidarität ausgelöst. Zugleich wächst der Unmut über die Haltung Ankaras.

Der türkischen Regierung wird vorgeworfen, den „Islamischen Staat“ (IS) zu unterstützen und den Flüchtlingen keinen ausreichenden Beistand zu gewähren. Ersteres wurde zwar von Ministerpräsident Ahmet Davutoglu zuletzt in einem BBC-Interview empört zurückgewiesen. In den südostanatolischen Städten wie Sanliurfa, Diyarbakir oder Suruc herrscht allerdings unter der kurdischen Bevölkerung blanke Wut.

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Die türkische Führung wolle Kobane nicht zu Hilfe kommen und habe nur zögerlich Versprechen in Bezug auf Durchzugsgenehmigungen für Peschmergas abgegeben, lautet der Tenor der Empörung. Zudem müssten die kurdischen Gemeinden die Hauptlast zur Versorgung der vielen Tausenden kurdischen Flüchtlinge tragen. Vom türkischen Staat gebe es für sie - anders als für die arabisch-sunnitischen Flüchtlinge - nur minimale Unterstützung. Außerdem würden kurdische Kämpfer von den türkischen Behörden kriminalisiert und sogar aus Spitälern entführt.

Besonders sichtbar wird die Empörung bei Begräbnissen von „Märtyrern“, die bei der Verteidigung Kobanes um Leben kamen. So waren am Dienstag in Suruc nahe der syrischen Grenze Fahnen der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und ihres inhaftierten Anführers Abdullah Öcalan zu sehen, als vier in Syrien gefallene Kämpfer zu Grabe getragen wurden. Ihre Leichen waren - wie mehr als weitere 100 Tote - über einen Korridor aus Kobane in die Türkei gebracht worden. Die Särge wurden unter lautstarken Sprechchören von einer großen Menschenmenge auf einen „Märtyrerfriedhof“ geleitet.

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Allerdings wächst unter den Kurden auch die Hoffnung, dass die weltweite Beachtung des Kampfes um Kobane für das Schicksal des auf vier Länder - Türkei, Syrien, Irak, Iran - verteilten Volkes eine Wende bringen könnte. „Eine neue Seite der Geschichte wird mit dem Blut unserer Kinder geschrieben“, erklärte die Ko-Vorsitzende des Kantonparlaments von Kobane, Ayse Efendi, in der türkischen Stadt Suruc. Efendi, die Ehefrau des Chefs der syrischen Kurdenpartei PYD, Salih Muslim, verlor einen Sohn bei Kämpfen gegen die Terrormiliz IS. „Wir haben unseren Kinder-Märtyrern versprochen bis zum Sieg weiterzukämpfen“.

Efendi zeichnete ein für westliche Ohren gefälliges Bild der in den vergangenen drei Jahren in den syrischen Kurdengebieten (Rojava) aufgebauten Selbstverwaltungsstrukturen. Diese seien bereits von Öcalan vorgeschlagen worden, berichtete sie. Frauenrechte würden geschützt und verschiedene Ethnien - Araber, Turkmenen, assyrische Christen und Kurden - friedlich zusammenleben. Auch gebe es viele politische Parteien. Der Angriff des IS auf Kobane sei ein Angriff auf ganz Rojava, seine Verteidigung erfolge im Namen der Menschenrechte. „Es ist das erste Mal, dass die Welt richtige Kurdenpolitik macht“, kommentierte sie die Bildung der US-geführten Allianz gegen den IS.

Für die in die Türkei geflüchteten syrischen Kurden ist derzeit jedoch kein Hoffnungsschimmer in Sicht. Viele haben Angehörige und ihr Hab und Gut verloren. Mustafa (47) gelang mit seiner Ehefrau Emine und drei Kindern die Flucht aus Kobane ins türkische Sanliurfa. Vier Familienangehörige wurden getötet, seine Werkstatt ist zerbombt. „Die Türkei ist nicht unser Staat, sie ist ein Feind der Kurden“, meinte er im Gespräch mit österreichischen Journalisten in seiner zwei Zimmer-Wohnung. „Die Nachbarn versorgen uns“, so der arbeitslose Flüchtling, dessen 16-jähriger Sohn ein bisschen Geld für die Familie verdient.

Mustafa will in seine Heimat zurückkehren. Doch wie die Zukunft in Syrien ausschauen soll, weiß er nicht. Früher, so erzählte er, hätten er und die arabischen Einwohner der Nachbardörfer ein gutes Verhältnis gehabt. Doch jetzt habe er kein Vertrauen mehr. „Früher haben wir gemeinsam gegessen, dann haben sie uns ermordet und unsere Frauen vergewaltigt“, klagte Mustafa. Es ginge dabei nicht um religiöse Motive sondern um Geld, glaubt er. In den Moscheen der Araber sei (unter Berufung auf den Koran, Anm.) erklärt worden, Plünderungen seien „halal“, also rechtens. Dabei seien die Kurden, obwohl Muslime, zu „Ungläubigen“ erklärt worden.

Unterdessen müssen sich die in Zelten untergebrachten Flüchtlinge auf den Winter einstellen. „Wir waren völlig unvorbereitet, als die Flüchtlinge bei uns eintrafen“, sagte die Bürgermeisterin von Suruc, Zühal Ekmez. Die türkischen Behörden hätten nur Hilfe zu ihren Bedingungen angeboten und wollten sich nicht mit den betroffenen Gemeinden koordinieren. Viele Menschen, sofern sie nicht bei Verwandten und Freunden unterkamen, seien notdürftig in öffentlichen Gebäuden untergebracht worden, später in nicht winterfesten Zelten. „Wir haben nicht genügend Geld. Wenn sich der Konflikt um Kobane in die Länge zieht, wird die Unterstützung der Flüchtlinge weniger werden“, warnte Ekmez.


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