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Experten: Chronischer Schmerz ist eine eigene Erkrankung

Wien/Brüssel (APA) - Chronischer Schmerz ist eine eigene, selbstständige Erkrankung. Jeder Euro, der in die Versorgung von Patienten „invest...

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Wien/Brüssel (APA) - Chronischer Schmerz ist eine eigene, selbstständige Erkrankung. Jeder Euro, der in die Versorgung von Patienten „investiert“ wird, erspart Leid und ein Vielfaches von Folgekosten. In Europa gibt es auf diesem Gebiet viele Defizite. Italien will ein Vorbild in Schmerz- und Palliativversorgung für die EU sein, hieß es am Dienstag bei einem internationalen Symposium in Brüssel.

SIP, eine Plattform zum Thema „Soziale Folgen von Schmerz“ des Europäischen Schmerzverbandes (EFIC) und des Pharmakonzerns Grünenthal, hat es sich zum Ziel gesetzt, Mängel in der Versorgung aufzuzeigen und Verantwortungsträger auf die Dringlichkeit der Probleme hinzuweisen. Immerhin leiden 20 Prozent der Europäer - hundert Millionen Menschen - chronisch an Schmerzzuständen, obwohl es Mittel zur Verhinderung solcher Zustände von Anbeginn und viele hoch wirksame analgetische Therapieregime gibt.

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„Chronischer Schmerz ist eine Krankheit, kein Symptom. Es ist diese Missinterpretation, dass Schmerzen bloß ein Symptom sind, die zu den Defiziten führt“, sagte Chris Wells, Präsident des Europäischen Schmerzverbandes (EFIC). Sein Vorgänger in dieser Funktion, der Wiener Experte Hans Georg Kress (MedUni Wien/AKH), ergänzte: „Chronischer Schmerz ist etwas völlig Anderes als akuter Schmerz. Akuter Schmerz ist unser ‚Freund‘, weil er warnt und Schäden anzeigt. Er verschwindet mit der Heilung. Chronischer Schmerz hingegen ist der ‚ungebetene Gast‘, der den Betroffenen ständig begleitet, den Schlaf raubt, zu Depressionen führt.“

Die Ursachen für chronische Schmerzzustände sind vielfältig. Ein Betroffener schilderte in Brüssel einen für manche Patienten typischen Verlauf. „Ich leide seit 17 Jahren an chronischen Schmerzen. Es begann mit einer Sportverletzung an der Schulter. Von dort breitete sich der Schmerz immer weiter unkontrolliert aus. Heute trage ich beispielsweise ganz weiche Socken, weil jede Berührung (an den Beinen; Anm.) wehtut ist.“

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An sich ginge es darum, das Entstehen von chronischen Schmerzen von Anbeginn zu verhindern: durch sofortige ausreichende Analgesie bei akuten Verletzungen, nach Operationen etc. Das beugt einer Chronifizierung und dem Abkoppeln der Schmerzsymptomatik von der ursprünglichen Ursache vor.

Doch da es oft schon am Anfang der Beschwerden zu wenig adäquate Therapie gibt, rutschen die Betroffenen umso tiefer in die Misere. „Es ist ein Mangel an Wissen und ein Mangel an Fähigkeiten, der die Probleme so schwierig macht“, sagte Shelah Wright, in Irland als Pain-Management-Expertin tätig und auch für dort in der Psychoonkologie-Versorgung tätig. Zumindest bei den Krebspatienten habe es eine Verbesserung gegeben. „Unsere nationale Krebsstrategie hat eine große Veränderung herbeigeführt. Man muss die Schmerztherapie auch in die Ausbildung von Ärzten und Krankenpflegepersonal bringen. Das ändert die Dinge langfristig.“

Stattdessen werden Patienten mit chronischen Schmerzen - so Hans Georg Kress - aus Mangel an Ausbildung, Wissen und Verständnis unter Ärzteschaft und Gesundheitspersonal oft in ausweglose medizinische „Endlosschleifen“ geleitet: „Man kann keinen relevanten Gewebeschaden für die Symptome erkennen, nicht per Ultraschall oder fünf Magnetresonanz- oder Röntgenuntersuchungen. Es gibt keine erkennbaren pathologischen Veränderungen. Und dann werden die Patienten beschuldigt, sie würden ihre Symptome übertreiben oder gar Hypochonder sein.“

In Italien hat man hier vor vier Jahren im europäischen Vergleich einen wichtigen Fortschritt erzielt. Es wurde das Gesetz 38/2010 beschlossen. Marco Spizzichino, Chef der Abteilung für Palliativversorgung und Schmerzbehandlung im italienischen Gesundheitsministerium: „Damit hat jeder in Italien lebende Mensch einen kostenlosen Rechtsanspruch auf Schmerzbehandlung und Palliativversorgung.“ Ein Ergebnis, das sich auf Krebs bezieht: 2010 starben noch 55.000 Menschen mit unheilbaren Krebserkrankungen im Spätstadium in Kliniken, 2012 waren es rund 48.000.

Bei einem informellen EU-Gesundheitsministerrat in Mailand wurden Gesetz und darauf folgende Initiativen den EU-Mitgliedsstaaten präsentiert. Italien will darauf beharren, dass die EU-Kommission diese Fragen in der Zukunft auf die Agenda setzt.

Doch auch die Bevölkerung sollte sich dessen bewusst sein, dass es in den reichen Industriestaaten eigentlich keinen Grund für mangelnde Versorgung von Schmerzpatienten und Kranke im Endstadium einer Erkrankung gibt. Spizzichino: „Nur 30 Prozent der Menschen in Italien kennen das Gesetz.“ Und wer seine Rechte nicht kennt, kann sich auch schwer Gehör verschaffen.


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