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Russland: Kritischer Chefredakteur von Radiosender Echo Moskwy bleibt

Moskau (APA) - Anfang der Woche hatten die Anzeichen noch dafür gesprochen, dass dem kritischen Chefredakteur von Echo Moskwy Aleksej Wenedi...

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Moskau (APA) - Anfang der Woche hatten die Anzeichen noch dafür gesprochen, dass dem kritischen Chefredakteur von Echo Moskwy Aleksej Weneditkow die Entlassung und seinem liberalen Radiosender die politische Gleichschaltung bevorsteht. Doch Mittwochabend sagte Mehrheitsaktionär Gazprom Media Holding eine für 21. November angesetzte Aufsichtsratssitzung ab: Wenediktow wird einstweilen im Amt bleiben.

Der Entscheidung war ein Treffen der Echo Moskwy-Redaktion und Gazprom Media Holding-Chef Michail Lessin am Dienstag sowie ein vierstündiges und als „schwierig“ charakterisiertes Gespräch zwischen Wenediktow und Lessin in den Mittwochabendstunden vorangegangen.

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Nachdem sich der Chefredakteur geweigert hatte, Radiomoderator Alekandr Pljuschtschew wegen einer umstrittenen privaten Twitterbotschaft zu kündigen, hatte Lessin eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung einberufen. In dieser hätte die Entlassung des Chefredakteurs beschlossen werden können.

Ende vergangener Woche hatte Wenediktow in einem Interview davon gesprochen, dass er mit seiner Kündigung rechne. Gleichzeitig hatte die Redaktion von Echo Moskwy Geschlossenheit demonstriert und Besitzervertreter Lessin am Dienstag deutlich zu erkennen gegeben, in diesem Konflikt keinesfalls nachgeben zu wollen.

Laut einer Zusammenfassung der Verhandlungsergebnisse, die Echo Moskwy in der Nacht auf Donnerstag veröffentlichte, dürfte sich der als geschickte Verhandler bekannte Wenediktow gegenüber Lessin weitgehend durchgesetzt haben: Die Gazprom Media Holding sagt nicht nur die für Freitag angesetzte Aufsichtsratssitzung ab, sie nimmt auch die Kündigung von Radiomoderator Aleksandr Pljuschtschew zurück, die von Wenediktow als illegal bezeichnet worden war.

Der Chefredakteur würde jedoch seinerseits, so heißt es auf der Homepage von Echo Moskwy, eine Beurlaubung von Pljuschtschew bis zum 15. Jänner erlauben. Außerdem werde Wenediktows Arbeitsvertrag um einen Passus erweitert, der eine größere persönliche Verantwortung für Radiosendungen vorsehe. Zudem würden Redaktionsvertreter und Juristen der Gazprom Media Holding eine Arbeitsgruppe bilden, in der Regeln für das Verhalten von Mitarbeitern in sozialen Netzwerken ausgearbeitet werden sollen.

Offizieller Stein des Anstoßes des Konflikt war Anfang November eine später wieder gelöschte Twitterbotschaft gewesen. Radiomoderator Aleksandr Pljuschtschew hatte darin rhetorisch gefragt, ob der Tod eines gewissen Aleksandr Iwanow bei einem Badeunfall als Indiz für die Existenz einer göttlichen Gerechtigkeit gelten könne. Der Verstorbene hatte laut Medienberichten vor einigen Jahren mit seinem PKW den Tod einer Passantin verursacht und war damals ohne strafrechtliche Konsequenzen davongekommen. Iwanow war Sohn des mächtigen Chefs der russischen Präsidenschaftskanzlei Sergej Iwanow.

Wenige Tage vor diesem Tweet hatte Pljuschtschew ein Interview mit einem Ukraine-freundlichen Journalisten aus den USA geführt. Die russischen Aufsichtsbehörde Roskomnadsor hatte diese Sendung als extremistisch qualifiziert und Echo Moskwy deswegen offiziell verwarnt.

Die Gazprom Media Holding, die zu 75 Prozent der Gazprombank gehört, besitzt 66 Prozent der Moskauer Radiostation. Der Rest wird von Chefredakteur Wenediktow, weiteren Redaktionsmitgliedern und Investoren kontrolliert. Nach dem Treffen von Redaktion und Gazprom Media Holding-Chef Michail Lessin am Dienstag war die Rede davon gewesen, dass Wenediktow dem Mehrheitseigentümer bis Ende des Jahres ein Übernahmeangebot durch die Minderheitsaktionäre unterbreiten wolle.


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