Ex-DDR-Sportler: „Ich werde als Verräter diffamiert“

Auch 25 Jahre nach dem Mauerfall legen sich die Emotionen von Sportlern aus der ehemaligen DDR nicht. Zwei in Tirol wohnhafte Ex-Größen erzählen über eine Zeit, deren Folgen bis heute spürbar sind.

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WM 1978, Lahti: Dass ausgerechnet beim Trainingsdominator Klaus-Jürgen Tuchscherer die Bindung auslöste – er war von der DDR nach Österreich gewechselt –, ist bis heute Stoff mancher Verschwörungstheorie. „Ich traue der Stasi alles zu“, meint er heute.
© imago

Innsbruck –Skispringer Klaus-Jürgen Tuchscherer (59) gelang lange vor der Wende die Flucht in den Westen; und Ex-Rodler Rene Friedl (47) landete dort nach seiner Karriere, um mittlerweile die Österreicher zu trainieren. Die zwei Wahltiroler und der Sportmediziner Kurt Moosburger über das DDR-Sportsystem und den Umgang mit der Vergangenheit.

Was ging Ihnen in den Momenten des Mauerfalls durch den Kopf?

Klaus-Jürgen Tuchscherer: Es war wie aus einem Gefängnis auszubrechen, aus dem der Deutschen Diktatorischen Republik. Rückblickend betrachtet überforderte die Geschwindigkeit, mit der dieser „antifaschistische Schutzwall“ fiel, die meisten.

Sie lebten zu diesem Zeitpunkt schon 13 Jahre in Österreich. Darf man den Wechsel Flucht nennen?

Tuchscherer: Ich würde eher sagen, dass ich mich dem Sozialismus verweigert habe.

Das klingt aufgeklärt für einen damals jungen Sportler, der die DDR-Doktrin verinnerlicht haben muss.

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Tuchscherer: Ich war immer ein Querdenker. Das begann schon bei meinem zwangsweisen Eintritt in die FDJ, die Freie Deutsche Jugend (DDR-Jugendorganisation, Anm.). Was für eine Perversion, dieser Ausdruck. Wir hatten die Jugendsportschule, unsere Staatsbürgerkunde und mussten jeden Montag den „Schwarzen Kanal“ anschauen, wo Karl-Eduard von Schnitzler die ideologische Ausrichtung vorgab.

Rene Friedl: Ich war beim Mauerfall zufällig auf Trainingskurs in Innsbruck und verfolgte im Fernsehen das Geschehen, spulte aber mein normales Trainingsprogramm ab. Von dort ging es weiter nach Winterberg, wo uns auf der Autobahn die Schlangen von Trabis und Wartburgs entgegenkamen. Unser Kurs wurde kurzfristig abgebrochen.

War das nicht eigenartig für einen Menschen, der vor allem den Eisernen Vorhang kennt?

Friedl: Der Sport war unsere Möglichkeit, etwas anderes kennen zu lernen und somit ein Stück weit zusätzliche Motivation. Aber es war schon eigenartig: Als wir früher die Grenze passierten, mussten wir alle Materialboxen ausladen und die Sachen herzeigen. Das war auf einmal vorbei.

Die politische Legitimation der DDR erfolgte nicht zuletzt durch das Sportsystem. Kann man diese Form der Propaganda überhaupt neutral betrachten?

Friedl: Wenn es was Positives gab, dann dass man sich in einer Gemeinschaft dem Sport widmen konnte. Vieles andere ist hinterfragenswert.

Tuchscherer: Allein die Tatsache, dass der Staat den Sport für seine Propaganda missbraucht, stellt alles in Frage. Ich finde am DDR-Sportsystem nichts Positives.

Man kennt schmutzige Details. Aspekte der Talentefindung und Fortschritte in der Sportwissenschaft werden aber bis heute kopiert.

Tuchscherer: Wir sind in unseren Sport delegiert worden, da bestand nicht die Möglichkeit der freien Wahl. Am liebsten hätte man bei uns schon im Alter von zwölf Jahren eine Biopsie vorgenommen, um die Eignung für den Spitzensport zu testen. Was man allerdings sagen muss: Auf dem sportwissenschaftlichen Sektor ging viel weiter, das habe ich nach meinem Wechsel zu den österreichischen Skispringern gemerkt. Da wurde in der DDR teilweise effektiver trainiert.

Friedl: Bei mir war es durchaus so, dass ich mehrere Möglichkeiten hatte, ich bin zu nichts gezwungen worden. Ich kam über Kollegen in unseren Verein, über einen Hauptverantwortlichen wurde wirklich gute Arbeit geleistet. Dann wurden wir zu einer Sichtung eingeladen, von 120 Kindern blieben schließlich acht Jungs und sechs Mädels für das Rodeln über.

Was die Talentefindung anbelangt: In Österreich sitzen die Kinder mittlerweile täglich bis zu zwei Stunden in Transportmitteln, um Schule und Sport unter einen Hut zu bringen. Das war in der DDR anders. Ein Sportinternat für Winter und Sommer wäre doch auch etwas für die Sportstadt Innsbruck.

Wie war die Einflussnahme der Trainer?

Friedl: Es gab Richtlinien und Rahmentrainingspläne, die zu erfüllen und in Protokollen zu dokumentieren waren. Unser Trainer im Juniorenbereich war zum Glück anders. Der sagte: „In dem Alter braucht ihr kein Maximalkrafttraining zu absolvieren.“ Und das passierte auch nicht.

Bei der WM 1978 starteten Sie, Herr Tuchscherer, bereits für Österreich. Nach Trainingsbestweiten ging Ihnen im Wettkampf aus heiterem Himmel der Ski auf und sie vermieden nur knapp einen Sturz. Im Anschluss äußerten Sie Verschwörungstheorien.

Tuchscherer: Der Stasi (Staatssicherheitsdienst, Anm.) traue ich alles zu! Wenn ich damals eine Medaille (für Österreich, Anm.) geholt hätte, wäre das ein nationaler Trauertag für die DDR gewesen. Ich habe viel in den Akten gestöbert – die Stasi war der Teufel in Person!

Wer über das DDR-System spricht, kommt am Doping nicht vorbei. Wie durfte man sich das vorstellen?

Tuchscherer: Das kannst du dir nicht vorstellen, das musst du gesehen haben. Vor allem die Folgen: Ich war beim Hilfeverein der Dopingopfer in Berlin eingeladen, das begleitet mich bis heute. Die Leute sind physisch und psychisch schwer beeinträchtigt, haben teilweise keinen Anspruch auf eine Pension, sind Hartz-IV-Empfänger. Viele Sachen sind verjährt, die Dunkelziffer ist hoch. Der Verdacht, dass viele Teil der Turinabol-Serie waren, liegt nahe.

Hatten Sie denn selbst Erfahrung mit Doping gemacht?

Tuchscherer: Bei einem Höhentrainingslager in Belmeken (BUL) sind wir zugefüttert worden. Die Mittel waren in einer Glasflasche und haben süßlich geschmeckt, es fühlte sich toll an, die Leistungssprünge waren enorm.

Wie darf man sich das vorstellen, Herr Moosburger?

Kurt Moosburger: Es reichen bereits geringe Dosen Testosteron, um die Regeneration zu beschleunigen. Im Profi­radrennsport wurde zum Beispiel ein Testosteronpflaster, das in der Medizin verwendet wird, für nur sechs bis acht Stunden auf die Haut geklebt, und selbst diese Minidosis, die wahrscheinlich kaum nachweisbar gewesen wäre, hat die Erholung vor der nächsten Etappe spürbar beschleunigt.

Haben Sie bei den Rodlern ähnliche Erfahrungen gemacht, Herr Friedl?

Friedl: Ich habe im Nachhinein viel davon gehört, ein im Verdacht stehendes Getränkepulver (Dynvital, Anm.) kenne ich auch aus der aktiven Leistungssport-Zeit in der DDR. Es ist durchaus so, dass Rodeln eine Schnellkraftsportart ist, allerdings kommt auch der Koordination große Bedeutung zu.

Moosburger: Es ist nachvollziehbar, dass sich für die Startphase, wo Kraft für Beschleunigung entscheidend ist, schon ein Effekt ergibt.

Friedl: Die Aufarbeitung des Dopingsystems ist Aufgabe von Profis, die sich mit diesem Feld auskennen. Schade ist, dass das Leistungssportsystem in der DDR nur auf Doping- und Propaganda- Missbrauch reduziert wird.

Ich denke, dass die Deutsche Hochschule für Körperkultur in Leipzig trainingswissenschaftlich und in der Systematik des Trainingsaufbaus ihrer Zeit weit voraus war. Einrichtungen entwickelten Sportgeräte, die weltweit eine Vorreiterrolle hatten.

Moosburger: Es ist ja durchaus nicht so, dass alle Sportler gleichermaßen auf Dopingmittel ansprechen. Die Anabolika-Dosen früher waren zum Teil enorm, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen.

Vor wenigen Jahren geriet man schon wegen eines Grippemittels mit dem Kontrollsystem in Konflikt, die Grenzwerte für Pseudoephedrin usw. wurden mittlerweile angehoben, sodass diese Präparate heute kein Problem mehr sind.

Spannende Diskussionsrunde: die Ex-DDR-Sportler Rene Friedl (l.) und Klaus-Jürgen Tuchscherer sowie Sportarzt Kurt Moosburger (M.).
© Thomas Böhm / TT

Viele Erhalter dieses Dopingsystems, Funktionäre und Trainer mit belastender Vergangenheit, fanden anderswo ein Betätigungsfeld.

Tuchscherer: Auch in Österreich, das entspricht ein wenig auch der Mentalität. Wir schauen hier nicht auf die Vergangenheit, sondern darauf, was uns der oder die mit Aussicht auf Leistungssteigerung bringen könnte.

Mit privaten Geldern halte ich das in einer Demokratie für möglich, darum kann Didi Mateschitz (Red-Bull-Boss, Anm.) auch Bernd Pansold einstellen. Das gilt aber nicht für öffentliche Mittel. Schwimm-Weltrekordhalterin Kristin Otto stellt Doping in Abrede, das ZDF partizipiert gleichzeitig an ihrem Bekanntsheitsgrad.

Friedl: Man muss allerdings feststellen, dass mit dem Thema niemand so umging wie Deutschland. Dort kam das Thema auf den Tisch. In vielen anderen Nationen, wo ständig außergewöhnliche Leistungen erbracht werden, hingegen nicht.

Wie gehen Sie heute mit Ihrem Weggang aus der DDR um, wie sieht es Ihr Umfeld?

Tuchscherer: Ich war zweimal zu einem Treffen meines ehemaligen DDR-Vereins geladen. Ich wollte das Geschehen von damals thematisieren, aber darauf wollte sich keiner einlassen. Mittlerweile werde ich nicht mehr eingeladen und als Verräter diffamiert.

Friedl: Ich hatte nie den Wunsch, die DDR zu verlassen, ich hatte eine starke Bindung zu meiner Familie und meinem Umfeld. Ich bewahre mir die schönen Erinnerungen, habe aber nicht vergessen, dass es auch viele weniger schöne Dinge gab.

Ich bin froh, dass ich die Wende bereits mit 22 erlebte und die Möglichkeiten der freien Entfaltung, die sich daraus ergaben, nutzen konnte. Heute fühle ich mich mit meiner Frau und meinen drei Kindern in Tirol heimisch und wohl.

Das Gespräch führte Florian Madl


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