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Zehn Jahre Tsunami - „Warum hab ich überlebt und er nicht?“

Krabi/Wien (APA) - Die Hälfte der Gäste des Hotels, in dem Schriftsteller Josef Haslinger auf Phi Phi Islands gewohnt hat, ist bei dem Tsuna...

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Krabi/Wien (APA) - Die Hälfte der Gäste des Hotels, in dem Schriftsteller Josef Haslinger auf Phi Phi Islands gewohnt hat, ist bei dem Tsunami 2004 ums Leben gekommen. „Damals hab‘ ich mir die Frage gestellt, warum hat man selbst überlebt und er nicht. Das hat mich verfolgt“, sagte der Schriftsteller, der vor zehn Jahren mit seiner Familie die Katastrophe auf der thailändischen Insel knapp überlebt hat.

„Man hat damals Entscheidungen getroffen, ohne die Tragweite zu kennen, die sich aber als lebensrettend herausstellten“, sagte Haslinger im Gespräch mit der APA. „Es gibt keine Strategie, es findet sich kein Sinn dahinter. Es ist schwer zu sagen, dass sich das Ganze zufällig ergeben hat. Ich hätte doch gerne, dass das Leben ein bisschen mehr ist als Zufall.“

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Haslinger hat mit seiner Familie 2004 den Weihnachtsurlaub auf der Insel Ko Phi Phi Don verbracht, am 26. Dezember zerstörten nach einem Erdbeben zwei Riesenwellen das Urlauberparadies. 850 Menschen starben, darunter viele Touristen, 1.300 werden immer noch vermisst. Haslinger, seine Frau und seine beiden Kinder konnten sich mit letzter Kraft auf ein Hoteldach retten und entgingen nur knapp dem Tod.

Einige Jahre später hat der 59-Jährige seine Erlebnisse in einem Buch verarbeitet. Auch dort stellte er sich mehrfach die Frage nach dem Warum: „Vor allem kann ich mir keine Vorstellung davon machen, welche Umstände uns das Leben gerettet haben. Das ist eine Frage, die mich über all die Monate hinweg nicht losgelassen hat. Warum bin ich noch am Leben? Warum sind wir noch am Leben?“, schilderte der Österreicher in „Phi Phi Islands. Ein Bericht“. Das Buch wurde durchgehend in Kleinschreibung geschrieben, weil Haslinger durch den beim Tsunami verletzten kleinen Finger der linken Hand nicht mehr die Umschalttaste bedienen kann.

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Ein Jahr lang konnte Haslinger nicht aus seinem Buch vorlesen, „ohne dass es mir die Tränen rausgedrückt hätte“. „Ich habe keine Lesungen machen können“, erzählte der Autor. Erst als die dänische Übersetzung auf den Markt kam, flog er zur Präsentation nach Kopenhagen. „Ich musste daraus vorlesen, da konnte ich nicht ausweichen“, habe er sich damals gedacht. „Doch siehe da, es ging. Doch es wird immer anders sein, als wenn ich aus einem meiner anderen Bücher vorlese“, so der Autor von „Opernball“ und „Das Vaterspiel“.

Das Aufschreiben seiner Erlebnisse „war schon eine Art von Aufbereitung“, sich den Geschehnissen stellen. „Ausweichen kann man dem eh nicht, es verfolgt einen enorm. Das Schreiben hat geholfen“, sagte Haslinger. Ein Jahr nach der Katastrophe kehrte er mit seiner Frau nach Phi Phi Islands zurück, die Kinder wollten nicht mit. „Der Hauptzweck war, um das Buch zu schreiben, um mich wieder richtig zu erinnern. Ich wollte mich dem Ganzen noch einmal stellen.“ Zwei Wochen war er mit seiner Frau auf der Insel unterwegs und hat mit Menschen geredet. „Die größten Erinnerungsschübe hatte ich, als wir wieder dort waren“, sagte Haslinger, der bereits Angebote zur Verfilmung seiner Erlebnisse bekommen, aber stets abgelehnt hat.

So erinnerte sich Haslinger an die malerische Ankunft im Hotel „PP Princess“, die hohen Palmen und die tropischen Pflanzen. „Zwei Tage später war der Rezeptionsbereich des Princess eine mit Leichen durchsetzte Müllhalde“, schreibt Haslinger. „Im Princess sind 40 Angestellte gestorben, darunter auch Paare. Sie hinterließen 24 Vollwaisen.“ Bereits unmittelbar nach der Katastrophe hätten die Thais gefragt, ob Familie Haslinger wieder kommen würde. „Sie haben gesagt, sie können doch nichts dafür. Es ist doch ihr Land und wir sollen nicht ihr Land bestrafen. Obwohl noch völliges Chaos herrschte, hatten sie Sorge“, erzählte Haslinger der APA.

Anlässlich des zehnten Jahrestages hatte der Schriftsteller eine Einladung zu einer Gedenkfeier auf Phi Phi Islands bekommen. Das hat Haslinger abgelehnt. „Ich habe nicht das Bedürfnis wieder zu kommen. Es ist vielleicht etwas Anderes, wenn man jemanden dort verloren hat, wenn man dort ein unsichtbares Grab eines Angehörigen hat“, meinte der 59-Jährige.

(Das Gespräch führte Barbara Buchegger/APA.)


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