TT-Interview

Wörtern und Bildern auf den Leim gehen

Die gebürtige Linzerin Teresa Präauer präsentiert morgen Abend ihren Roma­n „Johnny und Jean“ im Literaturhaus am Inn.
© K. Manojlovic

Teresa Präauer ist als Malerin und Autorin erfolgreich. Ein Gespräch über geborgte Federn, gedachte Bilder – und das Zurückpfeifen alter Meister.

„Johnny und Jean“ ist Ihr zweiter Roman. Vor allem, wenn der erste ein so durchschlagender Erfolg war wie bei Ihnen, heißt es, dass das zweite Buch besonders schwierig sei. Hat dies­e Erwartungshaltung Ihr Schreibe­n beeinflusst?

Teresa Präauer: Wenn ich noch mal nachzähle, ist es mein viertes Buch: Davor gibt es das Postkartenbuch „Taubenbriefe“ mit Zeichnungen und knappen Sätzen zum Wesen der Vögel, dann das Bilderbuch „Die Gans im Gegenteil“. Ich hab’ mir die Federn zum Schreiben also dort ausborgen können.

Steckbrief

Teresa Präauer, geboren 1979 in Linz, studierte Germanistik und Malerei in Salzburg, Berlin und Wien. Gemeinsam mit Wolf Haas veröffentlichte sie 2010 das Bilderbuch „Die Gans im Gegenteil“ und erhielt 2012 für den Roman „Für den Herrscher aus Übersee“ den Aspekte-Literaturpreis. Ihr aktuelles Buch „Johnny und Jean“ (Wallstein Verlag) präsentiert sie morgen Donnerstag um 20 Uhr im Innsbrucker Literaturhaus am Inn.

Sie beginnen den Roman mit „Ich stelle mir vor“ und begeben sich in der Folge auf bisweilen dünnes Eis: Nicht alles, was erzählt wird, darf man als Leser glauben. Wann hat sich dieses Spiel mit einem „unglaubwürdigen Erzähler“, mit Fakt und Fiktion, mit beglaubigten und erfundenen Zitaten abgezeichnet?

Präauer: Ich muss oft an dieses berühmte Magritte-Bild denken, auf dem eine Pfeife zu sehen ist, und darunter steht dann geschrieben: Das ist keine Pfeife. Für mich ist das auch das Großartige an den Wörtern: Sie verweisen auf die Dinge. Und bleiben doch Wörter. Dass wir ihnen glauben können, ihnen auf den Leim gehen können, dass sie Welt erfinden und gleichzeitig Schriftbild sind oder Klang: Da will man doch einfach versuchen, das auszuschöpfen.

Blöde Frage: In welchem der beiden angehenden Künstler, von denen Ihr Roman handelt, steckt mehr von Ihnen selbst? Sind Sie eher ein Zweifler wie Johnny oder ein Jean, dem alles auf Anhieb gelingt?

Präauer: Ich glaube, es braucht eben die Eigenschaften beider Figuren für die Arbeit: die Selbstüberschätzung und den Selbstzweifel. Aus dieser Reibung kann ziemlich viel entstehen. Und jeder kennt wohl auch so einen Kerl wie diesen Jean: einen, der immer schon weiter ist als man selbst. Den man beneidet und bewundert gleichermaßen.

Im Gegensatz zu Ihrem Debüt „Für den Herrscher aus Übersee“ waren die Reaktionen auf „Johnny und Jean“ nicht immer positiv. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Präauer: Es gibt angeblich nichts Besseres als konstruktive Kritik.

Sie sind Malerin und Autorin, worin sehen Sie die Gemeinsamkeiten? Was ist der große Unterschied?

Präauer: Für beides nehme ich die rechte Hand. Da bleibt sogar noch etwas für die link­e übrig, die faul daneben liegt. Ich denke in Bildern, für mich sind auch die Wörter etwas sehr Gegenständliches. Fast wie Dinge, die auf einem Tisch liegen. Und wenn ich Bilder sehe, will ich Wörter für sie finden.

Im Roman geht es auch um den Kunstbetrieb und dessen Akteure, um die, die es schaffen und die, die irgendwie am „Betrieb“ vorbeiarbeiten. Wie viel eigene Erfahrung steckt in dem Buch?

Präauer: Alles selbst erlebt, erfunden, erträumt und befürchtet. Es geht um die Erfahrungen, die man macht, wenn man versucht, sich im Leben und Arbeiten zurechtzufinden. Mich faszinieren dabei die Blender mit den Siebenmeilenstiefeln genauso wie diejenigen, die konsequent an etwas dranbleiben und jeden Schritt einzeln gehen. Die Kunst ist dabei ein Ort, an dem man viele Möglichkeiten versuchsweise ausprobieren kann.

Bildanalyse, sprich genaues Betrachten und Beschreiben, heißt es an einer Stelle, sei lehrreich fürs Leben.

Präauer: Seit ich Kontaktlinsen trage, sehe ich besser. Und ja, ich finde, in einer Welt, die ihre Information so sehr in Bildern speichert und vermittelt, hilft es, genau schauen zu können.

Im Roman tauchen immer wieder namhafte Künstler auf, die kommentierend ins Geschehen eingreifen. Ist Ihnen dieser imaginäre Dialog mit den „Alten Meistern“ wichtig?

Präauer: Die Ratschläge der Alten Meister sind für Johnn­y im Roman wie Orientierungshilfen, bevor er sein eigenes weißes Blatt ausrollt. Um dann aber mit dem Bleistift den ersten Strich machen zu können, muss er die Alten Meister aus seinen Gedanken streichen. Die sind aber hartnäckig und mischen sich immer wieder ein. Hm, ich glaube, man muss sich die alten Meisterinnen und Meister ansehen und sie dann aber kräftig zurückpfeifen.

In Innsbruck werden Sie gemeinsam mit der Comic-Künstlerin Line Hoven über Ihren Roman sprechen. Was verbindet Sie mit ihr?

Präauer: Ich mag Graphic Novels und bewundere die Menschen, die sie zeichnen. Wo Bild und Text zusammenkommen, da lässt es sich gut leben, glaube ich. Und mit Line Hoven im Besonderen verbindet mich neben der Freundschaft und dem Humor und dem Schauen und Sprechen usw. auch die Arbeit an gemeinsamen Projekten. Aber darüber werden wir morgen Abend reden.

Die Fragen stellte Joachim Leitner