Bühne

Seltener Belcanto-Wahnsinn als große Diven-Plattform

© THEATER AN DER WIEN

Bellinis „La straniera“ mit Edita Gruberova im Theater an der Wien als mäßig packende Raritätenbegegnung.

Von Stefan Musil

Wien –Sie ist eine Zerrissene: „La straniera“, „Die Fremde“, die in Gestalt von Edita Gruberova die Bühne des Theaters an der Wien betreten hat. Geheimnisvoll tragisch geistert sie durch Bellinis gleichnamige, heute vergessene, 1829 uraufgeführte Oper, die in ihrer anständigen Konvention gegenüber Bellinis Meisterwerken musikalisch deutlich abfällt. Diese Straniera ist eine Königin. Sogar eine historische Figur namens Agnes-Maria von Andechs-Meranien, in die sich Frankreichs König Philipp II. um 1200 verliebte, obwohl er bereits verheiratet war. Er ehelichte sie trotzdem, worauf ihm wegen Bigamie der Bann der Kirche drohte. Soweit die Vorfakten zur Oper, wo man auf die Zweitgattin nun als Alaide trifft, die in einer Hütte am See lebt und alles, was eine krude romantische Oper ausmacht, zu erleiden hat. Denn Graf Arturo, der Isoletta heiraten soll, verliebt sich in die Unbekannte. Der Rest ist romantischer Schmonzes, an dessen Ende sich Arturo ersticht und Alaide das Finale in einer obligaten Wahnsinnsszene ganz für sich hat. Nun ja.

Edita Gruberova hat sich mit der „Straniera“ in der Abendsonne ihrer bald 47 Jahre dauernden Karriere noch eine neue Partie gegönnt, mit der sie in den letzten Jahren konzertant aufgetreten ist. 2013 hat ihr Christof Loy in Zürich eine Szenerie dazu geschaffen, die jetzt in Wien gastiert. Und nachdem die Produktion auch in Essen zu sehen war, gönnt man sich den Luxus, die dortige Straniera-Besetzung, Marlis Petersen, alternierend auftreten zu lassen. Der Gruberova gehörte freilich die Premiere. Aber Hand aufs Herz, am Ende war man auch als Zuschauer ein eher Zerrissener. So ungeheuer es ist, wie weit sich das Stimmwunder Gruberova bereits ins 21. Jahrhundert gerettet hat. Wie frappierend man auch manchen ihrer Koloraturketten, unnachahmlichen Schwelltönen und dann doch wieder fulminant geschmetterten Höhe immer noch lauscht, viel anderes gelingt ihr inzwischen nicht mehr, hört sich kurzatmig an, wird zu tief intoniert. Selbst wenn sie erst kürzlich in der Staatsoper in Donizettis „Roberto Devereux“ als alte, verbitterte Elisabeth I. manches Stimmmanko dank expressiver Bühnenpräsenz eindrücklich in Deckung mit der Rolle bringen konnte, vor dieser Unbekannten hat es auch die größte Fantasie schwer. Selbst die des Gruberova-geeichten Christof Loy, dem zum abstrusen Stoff gewohnt Stimmiges aber wenig Substantielles eingefallen ist und manches unfreiwillig komisch verrutscht.

Der Form halber sei erwähnt, dass Franco Vassallo als Alaides heimlicher Bruder Valdeburgo mit prachtvollen Höhen sowie geschmeidigem, wenn auch etwas grob geführtem Bariton punkten konnte und Theresa Reinhardt mit fröhlich tremolierendem Mezzo eine brave Isoletta sang. Der Arnold Schönberg Chor machte seine Sache gewohnt blendend, während Dario Schmuncks Tenorpart als Arturo deutlich weniger glanzvoll ausfiel und Paolo Arrivabeni am Pult des ORF Radio-Symphonieorchesters für eine gerade noch solide Begleitung sorgte. Ein Abend, der wohl als Raritätenpflege außer Konkurrenz abgehakt werden darf.