Griechenland-Wahl - Internationale Pressestimmen 1

Athen (APA/dpa/AFP) - Internationale Tageszeitungen kommentieren am heutigen Montag den Sieg der linksgerichteten Syriza bei den Parlamentsw...

Athen (APA/dpa/AFP) - Internationale Tageszeitungen kommentieren am heutigen Montag den Sieg der linksgerichteten Syriza bei den Parlamentswahlen in Griechenland am gestrigen Sonntag.

„El Pais“ (Madrid):

„Die Wahl in Griechenland zeigt, dass die demokratischen Strukturen in Europa funktionieren. Sie erlauben den Sieg von nicht konventionellen Parteien. Griechenland bleibt ein Mitglied der europäischen Familie, auch wenn die neue Führung keinem der etablierten Lager der Konservativen und der Sozialdemokraten angehört.

Die EU-Verbündeten nehmen den Wahlausgang, auch wenn er ihnen nicht gefällt, als etwas Normales hin. Syriza wird als Regierungspartei die Interessen der Bürger so gut vertreten wie es geht. Die neue Regierung muss aber die internationalen Verpflichtungen einhalten. Sie darf den Steuerzahlern in den anderen EU-Ländern keinen Schaden zufügen und keine Angriffe auf die Stabilität der EU unternehmen.“

„Neue Zürcher Zeitung“:

„Der Wahltriumph des Linksbündnisses hat auch politisch eine europäische Dimension. Er wird in den südeuropäischen Ländern jene Protestparteien beflügeln, welche die Sparpolitik bekämpfen. (Parteichef Alexis) Tsipras will nicht nur Griechenland retten, sondern den ganzen Kontinent verändern. Ihm schwebt ein Europa ohne Austerität vor. Der Wahlsieger hat der eigenen Bevölkerung trotz dem gewaltigen Schuldenberg viel versprochen. Die Erwartung ist groß, dass die neue Partei die alten Verkrustungen aufbrechen kann. Ob die Rezepte von Tsipras Linderung bringen werden, ist fraglich. Sie könnten das Land auch in ein noch größeres Elend stürzen.“

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„Kapital Daily“ (Sofia):

„Vor den neuen Machthabenden in Athen liegen drei Hauptszenarien. Ein Kabinett der radikalen Linken Syriza (...) könnte durch die Realität gezwungen werden, die Antikrisen-Politik weiterzuführen. Oder es könnte sich mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und den Regierungen in der Eurozone auf eine Erleichterung des Hilfsprogramms einigen. Es könnte das Land auch zum Austritt aus der Eurozone treiben. (.) Viel Zeit gibt es für Athen nicht - die Frist für eine Vereinbarung mit Europa ist Juli oder August. Es ist aber wahrscheinlich, dass Griechenland bereits im März ohne Geld bleibt.“

„Delo“ (Ljubljana):

„In Griechenland wurde wieder Geschichte geschrieben. Der sichere Wahlsieg der Linkspartei Syriza wird sowohl Griechenland wie auch die EU und die Finanzmärkte international kräftig durchschütteln. (...) Bisher war Syriza in einer sehr bequemen Lage. Es gibt nichts Leichteres als die Zerstörung zu beobachten und Wunder zu versprechen. Dieser Komfort endet nun unwiderruflich. Brüssel und Berlin sind auf eine Regierung von Syriza vorbereitet. Die Hauptfrage ist, ob auch Syriza-Chef Alexis Tsipras auf Brüssel und Berlin vorbereitet ist. Auf jeden Fall fängt eine neue europäische politische Zeitrechnung an. Zu Jahresende werden auch die Spanier wählen. Auch in Spanien könnte die neue Linke einen Sieg feiern.“

„Finance“ (Ljubljana):

„Der Wahrheit zuliebe: Griechenland ist eine Ruine. Die Hauptfrage, mit der sich Tsipras und die Griechen, wahrscheinlich aber auch seine europäischen Partner beschäftigen werden müssen, ist, wie man das Land wirtschaftlich wieder auf die Beine stellt. Dieses Thema wurde bisher etwas in den Hintergrund gedrängt. Solange in Griechenland gut ein Viertel der arbeitsfähigen Bevölkerung arbeitslos ist und jeder zweite junge Mensch ohne Job und damit ohne Einkommen, wird Griechenland ein Übungsgelände für solche und andere politische Experimente und Extreme sein. Ein Paradies für Extreme. Heute Syriza, morgen vielleicht schon die Neonazi-Partei Goldene Morgenröte. Es ist durchaus möglich, dass demnächst auch Spanien mit seiner linken Podemos-Partei einen ähnlichen politischen Weg wie Griechenland einschlagen wird.“

„Nepszabadsag“ (Budapest):

„Aufwachen ! - Das war die Botschaft der griechischen Wähler an Europa, genauer: an das Tandem EU/IWF, das die finanzielle Herz-Lungen-Maschine für Griechenland betreibt. (...) Schlechter kann es kaum mehr werden, mögen sich die Wähler mit ihrem Votum für die radikale Linke gedacht haben. (...) Aufwachen! - So wird die Botschaft aus Brüssel, Berlin und sonst wo in Europa lauten. (...) Wenn Syriza das Ende der Sparprogramme versprochen hat und den Schuldenschnitt fordert, werden wir auch noch ein Wörtchen mitreden. Aufwachen! - Das ist unsere Botschaft, denn irgendetwas funktioniert da gar nicht. Die Austeritätspolitik hat keine Lösung gebracht, doch das griechische Wirtschaftschaos war gleichfalls unhaltbar. Das Fass ohne Boden würde ungefragt weitere 240 Milliarden Euro verschlingen. Das kann niemand wollen. Doch was Europa will, blieb an diesem Wahlsonntag höchst unklar.“

„Figaro“ (Paris):

„Die Wähler können immer die Waffen wählen. Europa, dessen Fundament die Demokratie ist, muss die Änderung zur Kenntnis nehmen und sich verpflichten, das Wahlergebnis zu respektieren. Doch bei dem Dialog, der nun mit Athen beginnen wird, würde die Europäische Union einen Fehler begehen, wenn sie vergessen würde, was sie ist: Die EU ist ein Club und jedes seiner Mitglieder verpflichtet sich freiwillig, die Regeln einzuhalten. Im Gegenzug kann jedes Mitglied mit der Solidarität der anderen rechnen. Wohin würden wir gelangen, wenn ein Schuldner seinem Kreditgeber die Regeln diktiert? Vor allem, nachdem er schon Geld eingesteckt hat.“

„Liberation“ (Paris):

„Viele Hauptstädte der 28 EU-Staaten, allen voran Berlin, malten zunächst das Gespenst eines ‚Grexit‘ an die Wand, also eines Auszugs Griechenlands aus der Eurozone. Doch der Ton hat sich geändert, selbst in Deutschland. Denn es ist offenkundig, dass die traditionelle politische Klasse in Griechenland versagt hat und dass die Rosskur das Land in die Misere getrieben, sein Bruttosozialprodukt reduziert und das Gewichts seines kolossalen Schuldenbergs noch erhöht hat. Für die EU ist nun die Stunde des Kompromisses gekommen. Dieser muss auf einem neuen Tilgungsplan und einem Moratorium für die Zinszahlungen beruhen. Der Weg zu diesem Kompromiss ist eng. Doch es gibt keinen anderen Weg. Alexis Tsipras, auf den sich nun alle Hoffnungen - zu viele? - konzentrieren, ist sich der Realität bewusst.“

„Ouest-France“ (Rennes):

„Es ist noch zu früh um zu wissen, ob Tsipras seine Wette gewinnt. Und ob sein Triumph die Gleichgewichte innerhalb der europäischen Linken grundlegend verändern wird. Doch eines ist sicher: Was die Griechen demokratisch ausgedrückt haben, kann nicht ohne Antwort bleiben. Syriza verlangt nicht weniger Europa, wie die Euroskeptiker ein bisschen voreilig behaupten. Doch Syriza will ein anderes Europa.“


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