Die grausame Sehnsucht nach Stille

Die Krimis um den schrulligen Hobbydetektiv Metzger machten Thomas Raab bekannt. Mit seinem neuen Roman „Still“, den er heute Abend in Innsbruck vorstellt, beschreitet der Autor erzählerisches Neuland.

2013 wurde der Wiener Autor Thomas Raab mit dem Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur ausgezeichnet.
© Simone Heher-Raab

Leser, die den lockeren Erzählton Ihrer Metzger-Krimis mögen, dürfte Ihr neuer Roman ziemlich vor den Kopf stoßen. In „Still“ erzählen Sie eine sehr dunkle Geschichte.

Thomas Raab: Diese Geschichte, oder genau genommen die Hauptfigur, beschäftigt mich schon seit Jahren. Ein Mann, der mit dem Makel eines unheimlich feinen Gehörs auf die Welt kommt, und dessen Sehnsucht nach Stille. Das wäre eine Geschichte, die ich gerne lesen würde, sagte ich mir damals, vor gut 13 Jahren. Und seither hat sie mich nicht mehr losgelassen. Egal, worüber ich gerade nachgedacht habe, irgendwann kam mir immer dieser schweigsame Kerl in den Sinn. Und nachdem ich beinahe zufällig zum Schriftsteller geworden bin und diese Figur sich nach und nach mit Geschichten gefüllt hat, musste ich sie mir einfach von der Seele schreiben.

Das klingt nach einem nicht immer einfachen Prozess.

Raab: Es war quälend. Das Schreiben des Buches ging an die Substanz. Wenn man mit einer Idee so lange schwanger geht, muss man sie sich irgendwann aus dem Kopf schreiben. Tatsächlich habe ich den Abschluss des Textes als Befreiung empfunden.

Die Idee zu „Still“ ist also älter als die zu Ihrer sehr erfolgreichen Metzger-Reihe?

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Raab: Ja. Aber ich habe es mir lange nicht zugetraut, diese Geschichte in dieser Form zu erzählen. Die ganze Metzgerei war ja eher ein Zufallsprodukt. Erst nach dem dritten Buch habe ich mich, auch wegen der öffentlichen Wahrnehmung, als echten Schriftsteller empfunden. Dieses Selbstbewusstsein war dann sehr wichtig, um mit „Still“ einen ganz anderen Weg zu gehen.

Und Ihr Verlag ging diesen, nicht unriskanten, Weg widerspruchslos mit?

Raab: Im Gegenteil. Ich wurde sogar bestärkt. Ich wollte mir den Metzger nicht madig schreiben – und immer wieder gerne zu ihm und dem Krimigenre zurückkehren. Es ist niemandem geholfen, wenn man eine erfolgreiche Reihe bis zum Geht-nicht-mehr ausquetscht. Außerdem ist mir der Kasten Kriminalroman für manche Geschichten, die ich erzählen will, zu eng.

Wobei auch „Still“, als „Chronik eines Mörders“, durchaus krimihafte Züge hat.

Raab: Ja, aber ich musste mich nicht um das Rätsel, um Wendungen und ums Verschleiern kümmern. Das Spannende war ja, dass ich mich von dieser grausamen Figur bei der Hand nehmen ließ – und ihr so durch die Geschichte gefolgt bin.

„Still“ erinnert an die Bestseller „Das Parfüm“ und „Schlafes Bruder“. Sind diese Parallelen beabsichtigt?

Raab: Nicht beabsichtigt, aber natürlich war diese Ähnlichkeit während der Arbeit am Buch genauso Thema wie die Frage, ob man sich diesem Vergleich aussetzen will. Ich habe mir „Das Parfüm“ genau angesehen – auch um zu wissen, was ich vermeiden muss. Erzählhaltung und Tonfall der Bücher sind komplett unterschiedlich. Meine Geschichte entfaltet sich aus dem Inneren des Protagonisten. Trotzdem ist die Kritik ja gewissermaßen vorprogrammiert: Der depperte Krimiautor, der an der ernsthaften Literatur scheitert. Aber das war mir letztlich auch schon wurst, ich wollte das Buch schreiben. Dass jetzt die ersten Reaktionen auf den Text alles in allem sehr positiv sind, freut mich natürlich.

Themenwechsel: Die Metzger-Romane „Der Metzger geht fremd“ und „Der Metzger muss nachsitzen“ wurden inzwischen verfilmt und werden im Februar ausgestrahlt.

Raab: Das ist natürlich ein Jackpot, dass von den Tausenden Büchern, die jährlich erscheinen, ausgerechnet meine ausgewählt wurden. Bei der Adaption von Literatur gelten allerdings andere Regeln. Als Autor darf man da nicht zimperlich sein, ein Drehbuch gehorcht anderen Gesetzen als ein Roman. Jede Filmsekunde ist teuer, da ist effektives Erzählen gefragt. Gerade bei meinen in der Regel ziemlich dicht besiedelten Metzger-Geschichten mussten einige Figuren gestrichen werden.

Sie haben an den Drehbüchern mitgeschrieben ...

Raab: Ich habe die von Holger Karsten Schmidt verfassten Drehbücher etwas überarbeitet. Das Filetieren hat Spaß gemacht.

Hobbydetektiv Metzger wird von Robert Palfrader gespielt. Hatten Sie bei dieser Entscheidung ein Mitspracherecht?

Raab: Nein. Und ganz ehrlich gesagt, zunächst konnte ich mir das nicht vorstellen. Ich kannte ihn ja bislang nur als „Kaiser“. Doch als ich die Aufnahmen seines Castings sah, war ich überzeugt.

Sollen alle Metzger-Romane verfilmt werden?

Raab: Die Vorarbeiten für zwei weitere Verfilmungen haben bereits begonnen. Von Seiten der Degeto, die die Filme für die ARD produziert, ist unabhängig von der Einschaltquote eine kontinuierliche Reihe geplant.

Gibt es auch für „Still“ bereits Filmpläne?

Raab: Ein erstes Interesse ist bereits angemeldet worden. Aber spruchreif ist noch nichts. Ich will mir dafür Zeit nehmen und die richtigen Partner finden. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass da irgendwann eine Verfilmung kommen wird. Aber nicht fürs Fernsehen. „Still“ ist ein Stoff für die große Leinwand.

Die Fragen stellte Joachim Leitner


Kommentieren


Schlagworte