Tödliche Grenzattacke nährt Sorge vor neuem Libanon-Krieg

Jerusalem (APA/dpa) - Ein Angriff der libanesischen Hisbollah-Miliz an Israels Nordgrenze war schon seit Tagen befürchtet worden. Armee und ...

Jerusalem (APA/dpa) - Ein Angriff der libanesischen Hisbollah-Miliz an Israels Nordgrenze war schon seit Tagen befürchtet worden. Armee und Einwohner befanden sich rund um die Uhr in höchster Alarmbereitschaft. Kurz vor Mittag wurden dann am Mittwoch mindestens zwei israelische Armeefahrzeuge, die an der Grenze patrouillierten, von Panzerabwehrraketen getroffen.

Zwei der Soldaten in den Medienberichten zufolge ungepanzerten Fahrzeugen wurden getötet und sieben verletzt. Israels Armee reagierte mit massivem Beschuss. Auf libanesischer Seite starb dabei ein spanischer Blauhelm-Soldat.

Die neue Eskalation nährt die Sorge vor einem dritten Libanon-Krieg, im schlimmsten Fall sogar mit iranischer Beteiligung. Israels Außenminister Avigdor Lieberman forderte eine „sehr harte und nicht proportionale“ Reaktion Israels.

Hisbollah rächte sich mit der Attacke auf die israelischen Soldaten für einen tödlichen Luftangriff auf den syrischen Golanhöhen vor zehn Tagen, der Israel zugeschrieben wird. Dabei waren ein iranischer General und sechs Hisbollah-Kämpfer getötet worden. Teheran drohte Israel daraufhin „verheerende Blitzschläge“ an. Wann der Vergeltungsschlag kommen würde, galt nur als eine Frage der Zeit.

Mit dem Angriff auf wichtige Repräsentanten der Hisbollah und des Irans auf syrischem Boden habe Israel den Konflikt mit der feindlichen Achse Iran-Syrien-Hisbollah ausgeweitet, schrieb Omer Einav vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien bei Tel Aviv. „Aus Sicht des Irans und der Hisbollah hat Israel mit dem Angriff eine rote Linie überschritten und muss einen hohen Preis bezahlen.“

Dies ist nun geschehen. Auch der letzte Krieg zwischen Israel und der Hisbollah hatte 2006 mit einem ähnlichen Grenzzwischenfall begonnen. Ob der neue blutige Schlagabtausch nun in einen größeren Krieg abgleitet, hängt nach Einschätzung von Experten vor allem von Israel ab. Sollte es sich um eine Mäßigung bemühen, könnte sich die Lage bald wieder beruhigen. Neue harte Schläge könnten jedoch eine weitere Spirale der Gewalt in Gang setzen. „Der Ball liegt jetzt in Israels Feld“, sagte ein Kommentator des israelischen Rundfunks am Mittwoch.

Nach fast vier Jahren Krieg in Syrien ist die Situation an Israels Nordgrenze und auf den Golanhöhen extrem angespannt. Auch kleinere Grenzscharmützel können sich als Funke erweisen, der einen Großbrand auslöst.

Weder Israel noch die Hisbollah haben allerdings gegenwärtig ein Interesse an einer größeren Konfrontation. Die pro-iranische Miliz hat bei den Kämpfen an der Seite der syrischen Regierungstruppen bereits herbe Verluste einstecken müssen. Und Israel steht weniger als zwei Monate vor einer entscheidenden Parlamentswahl, bei der nach jüngsten Umfragen die Mitte-Links-Opposition die Nase vorn hat.

Ministerpräsident Benjamin Netanyahu gilt zwar als Hardliner, jedoch auch als eher vorsichtig, was militärische Abenteuer angeht. Ein Krieg gegen Hisbollah könnte zwar sein Image als „Mr. Sicherheit“ aufpolieren, birgt jedoch gleichzeitig zahlreiche Risiken. Hisbollah verfügt nach Schätzungen des israelischen Militärs über ein Arsenal von mehr als 60.000 Raketen. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hat erklärt, seine Organisation könne mit ihren Raketen jeden Punkt in Israel erreichen. In einem künftigen Krieg mit Israel werde man „Millionen Zionisten das Leben zur Hölle machen“. Auch israelische Experten warnen vor der Gefahr durch die Hisbollah.

Nach Einschätzung des früheren Leiters des Einsatzkommandos der israelischen Streitkräfte, Israel Ziv, ist ein neuer Krieg mit Hisbollah eine reale Bedrohung. „Israel muss sich bemühen, die Situation zu beruhigen und eine weitere Eskalation zu verhindern“, sagte Ziv am Mittwoch. „Wir müssen uns zwar verteidigen, aber keine Schritte unternehmen, durch die wir in eine chaotische Situation hineingezogen werden könnten.“


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