Mahnmal für einen Furchtlosen

Gefeierte Uraufführung von Felix Mitterers „Der Boxer“ in der Josefstadt mit Gregor Bloéb als Johann „Rukeli“ Trollmann.

Gregor Bloéb als Johann „Rukeli“ Trollmann in „Der Boxer“.
© THEATER IN DER JOSEFSTADT

Von Bernadette Lietzow

Wien – Im dichten Wald aus Boxsäcken geht ein Leben verloren, der Mensch wird bleiben, im verspäteten Gedächtnis der Nachwelt. Dieser Mensch war Johann „Rukeli“ Trollmann, der fröhlich-leichtfertige Boxer, dessen Verhängnis seine sportliche Brillanz in braunen Zeiten wird: Der „Zigeuner“ dreht den Thesen des rassistischen NS-Staates als siegreicher Sportler eine lange Nase und bezahlt dafür mit seinem Leben.

Felix Mitterer, der wachsame Menschenschicksal-Forscher, stieß schon im Jahr 2003 auf die tragische Lebensgeschichte des deutschen Profiboxers, dessen beeindruckend gewandter, tänzelnder Kampfstil in der Person seines sportlichen Nachfahren Muhammad Ali erst zum bewunderten Alleinstellungsmerkmal werden wird. 70 Jahre danach wird Johann Trollmann auf Druck einer kritischen Sport-Öffentlichkeit posthum der ihm von den Nationalsozialisten abgesprochene Titel „Deutscher Meister der Profis im Halbschwergewicht 1933“ zuerkannt. „Der Boxer“, das Ergebnis von Mitterers akribischer Recherche und des Nachspürens eines beeindruckend trotzigen und selbstbewussten Underdogs und der entsetzlichen Geschichte der Verfolgung von Roma und Sinti im „Dritten Reich“, erlebte am vergangenen Donnerstag im Theater in der Josefstadt seine begeistert aufgenommene Uraufführung. Die mit „Jägerstätter“ höchst erfolgreiche Zusammenarbeit von Felix Mitterer, Regisseurin Stephanie Mohr und Schauspieler Gregor Bloéb garantiert auch für „Der Boxer“ ein intensives Theaterereignis, das über Schwächen im Rollen-Durchhaltevermögen einzelner Darsteller hinwegsehen lässt.

Bestens disponiert und das nicht nur körperlich, nach Diät und hartem Training, ist Gregor Bloéb. Verblüffend, wenn man historische Aufnahmen des von weiblichen Fans mit grenzenloser Begeisterung verfolgten, zierlich-schwarzlockigen Boxers sieht, scheint die äußere Ähnlichkeit, die Bloéb, so hat man den Eindruck, dazu verhilft, sich seine Bühnenfigur mit „Haut und Haar“ einzuverleiben. Das offensive Spiel, das Bloéb, nicht in allen seinen Theaterarbeiten ganz passend, auszeichnet, ist in „Der Boxer“ der richtige Zugang. Man glaubt seinem „Rukeli“ („Bäumchen“ auf Romanes) den erfolgsverwöhnten Boxer, der sich, als ihm sein Boxstil als undeutsch angekreidet, er als „Flitzer“ und „Ringclown“ von der NS-Sportpresse verunglimpft wird, im Sommer 1933 weißgepudert, mit Blondhaarperücke und den von ihm geforderten „deutschen Kampfstil“ imitierend, von einem Gegner absichtlich besiegen lässt.

Man glaubt Bloéb auch die Emotionen, seine Verantwortung für die Familie und die Liebe zu seiner Frau (etwas blass: Hilde Dalik), die Naivität, mit der er dem „Zigeuner-Forscher“ und Rassenhygieniker Dr. Ritter (geboten grausam: Dominic Oley) begegnet, sein Schicksal, das zu Zwangssterilisation, in die Wehrmacht und ins KZ führt. Und man verfolgt gebannt die immer grausamer werdenden, im KZ schließlich tödlich endenden Boxszenen.

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Stephanie Moor umschifft geschickt deren Darstellungs-Problematik, indem sie, unterstützt von dumpfen Tönen aus dem Off, die Gegner an getrennten, vom Schnürboden hängenden Boxsäcken gegeneinander antreten lässt. Dasselbe Prinzip der klugen Andeutung verfolgt sie auch, wenn der ehemalige Sportgegner und nunmehrige Lagerkommandant im KZ Neuengamme Reinhard Wolf (überzeugend: Raphael von Bargen) den Aufseher und früheren Freund der Familie Trollmann Heinz Harms (Peter Scholz) zu Grausamkeiten an Rukeli und seinem Bruder Stabeli zwingt. Alles spielt sich ab auf der dunklen Bühne (Florian Parbs), mit dem an der Feuermauer hochgestellten Boxring, den nachtschwarzen Boxsäcken, die sich zu einem dunklen Wald verdichten, aus denen der Sand rieselt oder die Gedanken an die Leichen hervorrufen, von denen die Kinderstimme der Ceija Stojka erzählt, aus deren Biografie Mitterer zitiert.

Die Familie des im KZ nach dem einen Sieg gegen Wolf gefällten (erschlagenen) „Bäumchen“, der ein starker Baum war, die Lebenden wie die Toten werden, im Schlussbild untermalt von der frohen Musik ihrer Volksgruppe, weiterleben – nun auch in der Erinnerung der Zuschauer eines ergreifenden Theaterabends.

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© APA/THEATER IN DER JOSEFSTADT/ERICH REISMANN

© Erich Reismann

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