Albertina zeigt Schätze der Zeichenkunst aus dem Musee d‘Orsay

Wien (APA) - Der Titel wirkt etwas bombastisch: „Archiv der Träume“. Doch so mag sich wohl der prominente Ex-Museumsdirektor und Kurator Wer...

Wien (APA) - Der Titel wirkt etwas bombastisch: „Archiv der Träume“. Doch so mag sich wohl der prominente Ex-Museumsdirektor und Kurator Werner Spies gefühlt haben, als er in den Zeichnungs-Beständen des Musee d‘Orsay „ohne jede Vorbedingung meine persönliche Auswahl treffen durfte“. Diese 130 Arbeiten umfassende Auswahl gastiert nun bis 3. Mai in der Wiener Albertina. Man sollte sie nicht verpassen.

Er sei immer wieder überrascht, wie wenig die 67.000 Blätter umfassende Zeichnungs-Sammlung seines Hauses in der Öffentlichkeit bekannt sei, sagte der Direktor des Musee d‘Orsay, Guy Cogeval, heute bei der Pressekonferenz vor der abendlichen Ausstellungseröffnung. Das liegt vor allem daran, dass die umfangreichen Bestände aus Platzgründen im Louvre aufbewahrt werden. „Wir hoffen, dass wir eines Tages selbst Platz dafür haben werden“, sagte Cogeval, der freilich darauf hinwies, dass konservatorische Gründe dem Ausstellen von Zeichnungen zeitliche Limits auferlegen. Deswegen durfte die „sehr intelligente Auswahl“ (Cogeval über Spies) nach dem Musee de l‘Orangerie in Paris nur an einem einzigen weiteren Ort gezeigt werden.

Zur Freude von Direktor Klaus Albrecht Schröder, der die Bedeutung des 1986 in einem ehemaligen Bahnhof an der Seine eröffneten Musee d‘Orsay für die Einbettung des Impressionismus in die französische Kunstgeschichte hervorhob, entschied sich Cogeval für die Albertina. In der Ausstellung „Degas, Cezanne, Seurat. Das Archiv der Träume aus dem Musee d‘Orsay“ sehe man nun, „wie reich die Kunstgeschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert und wie reich die Schätze dieses Museums sind“, so Schröder.

Spies hat sich in Auswahl und Ablauf für eine Mischung aus kunsthistorischen und kulturhistorischen Kriterien entschieden. Einerseits habe er in den präsentierten Blättern die Zerrissenheit eines Jahrhunderts abbilden wollen (die ersten Kapitel heißen „Architekturvisionen als Ausgeburt bürgerlicher Phantasien“ und „Der Blick nach innen“, die letzten führen in düstere, gespenstisch leere Visionen), andererseits habe er „eine Zeit der Gleichwertigkeit der Stile“ abbilden wollen. Daher sind Impressionismus und Symbolismus ebenso vertreten wie Realismus und Historismus, finden sich Präraffaeliten und Neoimpressionisten ebenso wie Jugendstil-Künstler Alfons Mucha.

Er habe „Meisterblätter, aber auch viel Unbekanntes, das mich magisch anzog“ ausgewählt, sagte Spies. Also zeigt man Pastelle von Edgar Degas und Georges Seurat, Gouachen von Honore Daumier und Gustave Moreau, Aquarelle von Paul Cezanne oder Kreidezeichnungen von Georges Seurat, die Schröder „die größte Lücke der Albertina“ nannte. Geheimnisvolle Blätter von Odilon Redon sind ebenso vertreten wie großformatige Badenixen von Auguste Renoir. Aber auch einige Werke weniger bekannte Namen wie Felicien Rops und Carlos Schwabe verdienen eingehende Betrachtung.

Für Brückenschläge zu anderen Künsten und in die Gegenwart hat sich Werner Spies etwas Besonderes einfallen lassen: Für den Ausstellungskatalog konnte er 100 Künstler, Filmemacher, Autoren und Architekten zu persönlichen Beiträgen über einzelne in der Schau vertretene Arbeiten bewegen. Die Liste ist eindrucksvoll und reicht von den Dichtern Adonis und Paul Auster bis zu Wim Wenders und Erwin Wurm. Diese Auseinandersetzung in Wort und Bild ist lesens- wie sehenswert. Bloß schade, dass sich davon nichts in der Schau selbst niedergeschlagen hat.

Die Albertina-Kernkompetenz der Zeichnung erfährt übrigens im Februar die nächste Würdigung: Dann werden die nach dem Kunsthistoriker Hans Tietze (1880-1954) benannten neuen „Tietze-Galleries for Prints and Drawing“ eröffnet.

(S E R V I C E - „Degas, Cezanne, Seurat. Das Archiv der Träume aus dem Musee d‘Orsay“, Albertina, 30. Jänner bis 3. Mai, Täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 10 bis 21 Uhr, Katalog, erschienen im Sieveking Verlag: 344 S., 32 Euro, ISBN 978-3-944874-17-3, www.albertina.at)

(B I L D A V I S O - Pressebilder stehen im Pressebereich von www.albertina.at zum Download bereit.)


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