Überladen: Wilfried Steiners neuer Roman „Die Anatomie der Träume“

Wien (APA) - Was zu viel ist, ist zu viel. Theater, Psychoanalyse und Surrealismus, Sigmund Freud und Gustav Mahler, Salvador Dali und Andre...

Wien (APA) - Was zu viel ist, ist zu viel. Theater, Psychoanalyse und Surrealismus, Sigmund Freud und Gustav Mahler, Salvador Dali und Andre Breton, eine radikale „König Lear“-Inszenierung samt Theaterintrigen und eine zaghafte Liebesgeschichte zwischen einer Autorin und einem Dramaturgen. Wilfried Steiners neuer Roman „Die Anatomie der Träume“ überfordert. Am 9. Februar wird das Buch im Rabenhof vorgestellt.

Der 1960 geborene Leiter des Linzer Posthof hat sich als Autor schon bisher gerne intensiv mit realen Protagonisten der Literatur- und Kunstgeschichte befasst. Sein Romandebüt „Der Weg nach Xanadu“ (2005) stellte den englischen Romantiker Samuel Taylor Coleridge in den Mittelpunkt, in „Bacons Finsternis“ (2010) hatte er lange, beeindruckende Interpretationen der Gemälde Francis Bacons eingebaut.

Für „Die Anatomie der Träume“ hat Steiner seine vielfältigen Interessen nicht recht bündeln wollen. Also hat er versucht, möglichst viel unterzubringen. Seine Hauptfigur und Ich-Erzähler Pinetti ist Dramaturg an dem vom Autor erfundenen „Wiener Publikumstheater“, das er mit über 400 Sitzplätzen in der Größe zwischen Burg und Schauspielhaus ansiedelt und von der Programmatik her wie ein normales Stadttheater wirkt. Während ein deutsches Regietalent an einer radikalen „Lear“-Interpretation probt (und Pinetti, dessen Programmheft nach der Premiere von der „Süddeutschen“ als „lieblos gestaltet“ kritisiert wird, erstaunlich wenig mit der heiklen Produktion zu tun hat), ist er vom Intendanten mit der Dramatisierung eines angeblichen Bestsellers beauftragt: Der Roman „Das Jahrhundert der Seele oder Die Schlacht um die Träume“ beschäftigt sich mit Sigmund Freud und seiner Beziehung zu wichtigen Künstlern seiner Zeit. Mehr als der Inhalt des Buches fasziniert den zurückhaltenden geschiedenen Dramaturgen die attraktive Autorin Irene Augustin.

Pinetti, den sein Direktor angeblich über alle Maßen schätzt, scheint seinen Beruf nicht allzu ernst zu nehmen. Er geht in das ersten Gespräch mit Augustin, ohne das Buch überhaupt gelesen zu haben. Die Sekundärliteratur, die ihm die Grundlagen der weit ausgreifenden Thematik des Buches, das mehr Sachbuch oder kulturhistorischer Essay als Roman ist, vermittelt, ersteht er erst allmählich während der Arbeit. Er scheint kein Konzept für seine Dramatisierung zu haben, macht sich aber unter den prüfenden Augen der Autorin an Szenenskizzen, bei denen er sich mitunter sehr vom Buch entfernt. Die Berücksichtigung der verfügbaren Größe der Besetzung scheint ihm ebenso egal wie die Tatsache, dass seine Bühnenfiguren sich durchgehend als Abziehbilder historischer Persönlichkeiten orientieren statt Eigenleben zu entwickeln.

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„Die Anatomie der Träume“ ist Flickwerk. Man bekommt Kapitel aus Augustins Buchvorlage ebenso serviert wie Szenen aus Pinettis Bearbeitung, dazwischen sind auch „Lear“-Dialoge samt Interpretation eingestreut. Man bekommt mit, worauf der Roman eigentlich hinauswill. Als Satire auf den Theaterbetrieb ist das Buch zu harmlos, als kulturhistorischer Aufriss ist es zu farblos und als Liebesgeschichte zu belanglos. Die Art, wie sich die Romanze entwickelt oder eben kaum vom Fleck kommt, wie die Autorin den Dramaturgen umgarnt und dieser in unerklärlicher Angstlust erstarrt, wirkt pubertär, die Schlusspointe durchsichtig und schal. „Die Anatomie der Träume“ wirkt zweifellos gelehrt, kommt aber zugleich belehrend rüber. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Traumloser Schlaf kann jedoch ein Segen sein. Nur eines möchte man keineswegs missen: Das Duett von Luciano Pavarotti mit Skunk Anansie-Sängerin Skin, das Pinetti auf Youtube entdeckt, ist tatsächlich großartig...

(S E R V I C E - Wilfried Steiner: „Die Anatomie der Träume“. Metroverlag, 270 S., 24,90 Euro. Buchpräsentation: 9. Februar, 20 Uhr, Rabenhof, Wien; 12. Februar, Literaturhaus Salzburg; 20. Februar, Spielboden Dornbirn)


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