Umstrittene Kraftwerke: Das Tiroler Wasser als Konfliktzone

Für die angepeilte Energieautonomie im Jahr 2050 benötigt es in Tirol mehr Strom aus Wasserkraft. Trotzdem sorgen die Ausbaupläne seit Jahren für heftige Diskussionen.

Im Platzertal soll ein zweiter Speicher für die Erweiterung des Kraftwerks Kaunertal entstehen.
© Tiwag

Von Peter Nindler

Innsbruck – Der Streit ums Wasser aus dem Ötztal zwischen dem Landesenergieversorger Tiwag und der Gemeinde Sölden bzw. dem E-Werk Sölden ist nur eine von vielen Konfliktzonen um den Ausbau der Wasserkraft in Tirol. Weitere Reibungsflächen sind der Naturschutz, die Ausweisung von EU-Schutzgebieten wie Natura 2000 in Osttirol und energiewirtschaftliche Kriterien. Die von der Landesregierung forcierte Tabuzone am Inn zwischen Haiming und Kirchbichl steht beispielsweise der Realisierung des Regionalkraftwerks Mittlerer Inn entgegen.

Dreh- und Angelpunkt vieler Diskussionen ist die Tiwag. Sieben Kraftwerke will Tirols größter Energieversorger in den kommenden Jahren erweitern bzw. neu errichten. Für das Gemeinschaftskraftwerk Inn im Oberen Gericht, das gemeinsam mit dem Verbund und der Engadiner Kraftwerksgesellschaft gebaut wird, fiel bereits im November der Spatenstich. Die Landesregierung bekennt sich zum Ausbau der Wasserkraft, schließlich verfolgt sie die Vision von einem energieautonomen Tirol im Jahr 2050. Ohne zusätzlichen Strom aus der Wasserkraft ist dieses Ziel jedoch nicht zu erreichen.

2800 Gigawattstunden (GWh) müssten dafür zusätzlich produziert werden: Die Großkraftwerke der Tiwag und des Verbunds sollen 2000 GWh Strom im Jahr liefern, neue Regionalkraftwerke rund 500 GWh und die Sanierung von Kleinkraftwerken bzw. weitere kleinere Kraftwerke könnten weitere 300 GWh bringen. Während die Tiwag den volkswirtschaftlichen Nutzen der Wasserkraft hervorstreicht, versprechen sich Gemeinden mit Investitionen in kommunale Vorhaben auf Sicht mehr Einnahmen. Angesichts sinkender Energiepreise steht diese Rechnung jedoch auf wackeligen Beinen.

Mit dem wasserwirtschaftlichen Rahmenplan für ihre Projekte im Oberland erwartet sich die Tiwag Rückenwind. Noch im Frühjahr hofft man auf den Umweltbescheid für den Ausbau von Sellrain

Silz, Knackpunkt bleibt jedoch die Erweiterung des Kaunertals zu einem Pumpspeicherkraftwerk. „Mit beiden Kraftwerken können wir zusätzlich 828 Gigawatt erzeugen“, begründet Wallnöfer allerdings die Bedeutung der beiden Großkraftwerke.

Dennoch bleibt das Kaunertal umstritten. Die Umweltverträglichkeitsprüfung gestaltet sich schwierig, die Frist für Nachbesserungen musste bis Juni 2015 erstreckt werden. Die Grünen und Umweltreferentin LHStv. Ingrid Felipe lehnen das Vorhaben wegen der befürchteten Eingriffe in die Natur ab.

Problematisch ist im Oberland auch das Kraftwerk Sanna, zuletzt stimmten Landeck und Zams dagegen. Gegen das Kraftwerk Tumpen in Umhausen regte sich ebenfalls Widerstand (4000 Unterschriften), das Landesverwaltungsgericht wies die Beschwerden gegen den wasserrechtlichen Bescheid jedoch ab.

Neben dem Oberland steht Osttirol im Spannungsfeld von Kraftwerksbefürwortern und -gegnern. Die Gemeinden Kals (Kalserbach), Virgen und Prägraten (Isel) sowie Matrei (Tauernbach) planen Kraftwerke, die Kommunen im Defereggental haben sich ebenfalls auf ein Projekt in Hopfgarten (Schwarzach) geeinigt. Die Bürgermeister wehren sich deshalb gegen eine ihrer Meinung nach überschießende Natura-2000-Ausweisung der Isel und ihrer Zubringerflüsse Kalser- und Tauernbach sowie Schwarzach. Das von Virgen und Prägraten forcierte Kraftwerk an der oberen Isel hat jedoch auch ohne Schutzgebietsausweisung schlechte Karten und weist eine negative Beurteilung nach dem Kriterienkatalog Wasserkraft auf. Dass der Kalserbach Natura-2000-Gebiet wird, daran gibt es keine Zweifel, das geplante Kraftwerk dürfte deshalb kaum realisierbar sein. Gute Chancen haben hingegen die Kraftwerke am Tauernbach und der Schwarzach.

Kraftwerkspläne

Erweiterung Kraftwerk Kaunertal: Die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) ist eingeleitet. Das Vorhaben kostet 1,3 Mrd. Euro, nach Fertigstellung sollen 621,5 Gigawattstunden (GWh) Strom erzeugt werden.

Erweiterung Sellrain/Silz: Die Tiwag wartet auf den Genehmigungsbescheid. Ein dritter Speicher wird errichtet, zusätzlich zu den 450 GWh sollen 216 GWh erzeugt werden. Die Kosten betragen 520 Mio. Euro, die Fertigstellung ist für 2023 geplant.

GKI: Das Gemeinschaftskraftwerk soll jährlich 414 GWh erzeugen, 461 Millionen Euro werden investiert. Fertigstellung: 2018.

Ausleitungskraftwerk Imst/Haiming: Es wurde 2013 zur UVP-Vorprüfung eingereicht. Leistung: 275 GWh; Kosten: 350 Mio. Euro.

Ausbau Kraftwerk Prutz/Imst: Derzeit wird erkundet. Leistung: bis zu 200 GWh; Kosten: 210 Mio. Euro.

Erweiterung Kraftwerk Kirchbichl: Das Vorhaben wurde 2012 zur UVP-Vorprüfung eingereicht. Kosten: 104 Mio. Euro; Leistung: 176 GWh.

Kraftwerk Sölden: Die E-Werke Sölden warten auf den Wasserrechtsbescheid. Leistung: 14,9 MW.

Kraftwerk Tumpen-Habichen: Naturschutzrechtliches Genehmigungsverfahren läuft. Leistung: 61 GWh; Kosten: 50 Mio. Euro.

Kraftwerk Sanna: Das Kraftwerk wackelt. Leistung: 83 GWh; Kosten: 90 Mio. Euro.

Regionalkraftwerk Mittlerer Inn: Wegen der Tabuzone Inn hat es kaum mehr Realisierungschancen. Leistung: 92,4 GWh; Kosten: 130 Mio. Euro.

Kraftwerk Tauernbach: Das Projekt hängt wegen Natura 2000 in der Warteschleife. Leistung: 85 GWh; Kosten: 100 Mio. Euro.

Kraftwerk Obere Isel: Das Projekt ist beim Kriterienkatalog durchgefallen. Leistung: 132 GWh; Kosten: 147 Mio. Euro.

Kraftwerk am Kalserbach: Es wackelt wegen der geplanten Natura-2000-Ausweisung. Leistung: 7,96 MW; Kosten: 19 Mio. Euro.

Kraftwerk an der Schwarzach: Die drei Deferegger Gemeinden St. Jakob, Hopfgarten und St. Veit planen ein gemeinsames kommunales Kraftwerk.


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