Die Wurzeln von Gewalt: Bei T.C. Boyle geht es „Hart auf hart“ zu

Wien (APA) - „Macht Krieg, nicht Liebe“ heißt es irgendwann in T. C. Boyles Roman „Hart auf hart“. Eine Schlüsselstelle: Der Protagonist Ada...

Wien (APA) - „Macht Krieg, nicht Liebe“ heißt es irgendwann in T. C. Boyles Roman „Hart auf hart“. Eine Schlüsselstelle: Der Protagonist Adam, ein junger Mann zwischen Freiheitsdrang und Paranoia, der sich als moderner Waldläufer versteht und sein antisoziales Verhalten romantisiert, geht nun aufs Ganze. Die Folgen sind fatal - nicht nur für ihn.

Thomas Coraghessan Boyle hat in vielen seiner nunmehr 15 Romane und mehr als 100 Kurzgeschichten vom Scheitern erzählt. In seinem aktuellen Werk, das auf Deutsch sogar einen Monat vor dem Original erscheint, zerbrechen alle Hauptpersonen am Leben bzw. ihren Idealvorstellungen von einem solchen. Aber auch der Staat zählt zu den Verlierern: Er vermag bloß mit Gewalt auf Gewalt zu reagieren, aber trotz ersichtlicher Vorzeichen nicht Eskalation verhindern.

Der New Yorker Schriftsteller, der am 26. Februar im Wiener Gartenbaukino persönlich sein Buch präsentieren wird, schildert die Beziehung zwischen drei gezeichneten Menschen. Da ist Sten, ein Ex-Marine, Vietnam-Veteran und pensionierter Schuldirektor, der auf einer Kreuzfahrt in Costa Rica in eigentlich übertriebener Notwehr einen Banditen tötet und dafür als Held gefeiert wird. Ein Menschenleben ist eben nicht überall gleich viel wert. Für seinen Sohn Adam, der im gestörten Verhältnis zum Vater und zur Autorität im Generellen aufwächst, sind wiederum die Bürger der Vereinigten Staaten bloß Aliens, die irgendwann das bekommen, was sie verdienen würden - und seien es Kugeln aus seinem Gewehr. Er wird kein Held, sonder Gejagter.

Der Originaltitel des Buches, „The Harder They Come“, könnte sich auf Jimmy Cliffs gleichnamigen Song beziehen: „Well, the oppressors are trying to keep me down, trying to drive me underground“, heißt es in dem Lied. Die Zeilen könnten auch von Adam stammen. Seine „Unterdrücker“ sind allerdings Menschen wie du und ich.

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Wie üblich wechselt Boyle immer wieder geschickt die Erzählperspektive und verdichtet somit seine Charaktere, liefert unterschiedliche Ansichten über das Geschehene. Als „Gegengift“ zum Vorgängerroman „San Miguel“ hat der 66-Jährige „Hart auf hart“ in einem Interview mit der „taz“ bezeichnet: Das Buch „spielt im Norden von Kalifornien, ist zeitgenössisch und handelt ausnahmsweise mal nicht von Frauen, sondern von amerikanischer, sehr männlicher Gewalt“. Und doch bringt er mit Sara eine weibliche Perspektive ein.

Die 40-jährige Sara lehnt den Rechtsstaat ab, weil sie „keinen Vertrag mit Kalifornien“ hat, wie sie betont, und deshalb mit dem Gesetz in Konflikt gerät, weil sie sich etwa weigert, einen Gurt anzulegen und den Aufforderungen von Verkehrspolizisten nicht nachkommt. Als souveräne Person lehnt sie die „Regierung der Konzerne“ ab, die Menschen zu „Sklaven des Systems“ macht. Sie lernt für kurze Zeit Adam kennen und in einer heftigen Affäre lieben. Im Gegensatz zu Adam und Sten fehlt dieser Figur aber das Dringliche.

Boyle springt direkt in die Geschichte, packt den Leser mitten in der Handlung, liefert erst nach und nach die in der Vergangenheit wurzelnden Bausteine, die zum unausweichlichen Drama führen. Die komplexen, detailreichen Sätze und kräftigen Formulierungen („sein Gesicht war so nichtssagend, als wäre es in Wirklichkeit sein Hinterkopf“) wurden von Dirk van Gunsteren, der u.a. Philip Roth und John Irving übersetzte, sehr gekonnt ins Deutsche übertragen. Boyles Faible für historische Persönlichkeiten manifestiert sich diesmal in John Colter, einem von Mythen umrankten Trapper und Waldläufer, den Adam bewundert und zum Vorbild nimmt, und dessen Abenteuer wie Handlungsklammern zwischen den Vorgängen in der Gegenwart stehen.

Boyle packt viele Themen in „Hart auf hart“ - vom Unvermögen eines Vaters, seinem Sohn zu helfen, bis zu Rassismus und Umweltschutz. Er zeigt in einem guten, verstörenden, wenn auch nicht seinem besten Roman vieles auf und reißt vieles für Diskussionen an, wertet aber nie, ergreift nicht Partei. Und doch bleibt eine Frage kritisch im Raum stehen: Warum können junge schizophrene Menschen in Amerika uneingeschränkten Zugang zu Waffen haben?

Doch davon abgesehen: Eine Generallösung, wie das Geschehen verhindert werden hätte können, erschließt sich nach der Lektüre nicht. Das war nach dem Una-Bomber und so manchem Schulmassaker auch nicht anders. Im Nachhinein kennt man immer die Ursachen, aber die Ohnmacht bleibt.

(S E R V I C E - T. C. Boyle: „Hart auf hart“, Übersetzt aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, Hanser Verlag, 396 S., 23,60 Euro; Lesung: 26. Februar, 20 Uhr, Wien, Gartenbaukino. Deutsche Texte gelesen von Dirk Stermann, Moderation: Chris Cummins)


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