„Blackhat“: Manns neues Werk zwischen eitler Pose und Bildersturm

Hollywood/Wien (APA) - Mit „Blackhat“ legt Regisseur Michael Mann den Finger in die Wunde unserer Zeit und widmet sich dem Thema Cybercrime....

Hollywood/Wien (APA) - Mit „Blackhat“ legt Regisseur Michael Mann den Finger in die Wunde unserer Zeit und widmet sich dem Thema Cybercrime. Dabei hat er zwar sein Talent für gewaltig choreografierte Action nicht verloren, fehlende Plausibilität und eitle Gesten arbeiten jedoch teils gegen den Bilderstürmer. In Los Angeles sprachen Mann und sein Team mit der APA über das Projekt, das am Donnerstag in den Kinos anläuft.

Würmer und Viren prägen die Kriegsführung des 21. Jahrhunderts. Die imposante Eröffnungsszene von „Blackhat“ folgt einem Computerwurm (ähnlich dem, der 2010 zu Störungen im iranischen Atomprogramm führte und Mann zu seinem Film inspirierte), der eine Explosion in einem chinesischen Atomkraftwerk auslöst. Derselbe Hacker manipuliert gleichzeitig die US-Börse und weil dies lediglich das Vorspiel zu einer größeren Katastrophe ist, schließen sich FBI-Agentin Carol Barrett (in ihrem Element: Viola Davis) und der chinesische Geheimdienst zu einer Task-Force zusammen. Agent Chen Dawai (Leehom Wang) kann die Amerikaner davon überzeugen seinen alten Freund Nick Hathaway (Chris Hemsworth) aus dem Gefängnis zu beurlauben, wo der eine 15-jährige Haftstrafe absitzt. Er sei der Einzige, der imstande ist, den „Blackhat“ aufzuspüren, denn der Hacker hat einen von ihm kreierten Code umgeschrieben. Ab hier führt das Katz-und-Maus-Spiel von Chicago, Los Angeles, Hongkong, Jakarta nach Perak und letztlich in eine Welt gleich einer Matrix mit brütenden Neonlichtern, blaustichigen Nächten und elegant inszenierten Schießereien. Unterdessen verliebt sich Hathaway in die Schwester (Tang Wei) seines Freundes, denn es wäre kein Mann-Film ohne die obligatorische Liebelei.

Wer Manns Werke wie „Collateral“ liebt, der akzeptiert seine affektive Filmsprache. „Blackhat“ atmet eine innere Spannung zwischen obsessiver dokumentarischer Wirklichkeitsnähe und dramatisch stilisiertem Hyperrealismus. Wer sich dem unterordnet, der wird trotz überladenem Drehbuch (von Mann und Morgan Davis Foehl) und unfreiwillig komischen Dialogfetzen auf seine Kosten kommen. Kameramann Stuart Dryburgh führt die visuellen Ideen Manns digital selbstbewusst aus. Am ehesten ist „Blackhat“ eine Mischung aus „Miami Vice“ und „Manhunter“.

In akribischer Vorbereitung für seinen ersten Film nach „Public Enemies“ (2009) sprach der Regisseur mit Regierungsbeamten und ehemaligen Mitarbeitern der CIA und des FBI. Was er entdeckte war erhellend. „Es ist fast so als würden wir in einer Sphäre von Daten schwimmen und wir sind uns dessen nicht bewusst. Wir leben in dem Irrglauben, dass wir immer noch ein Leben in Privatheit führen.“

Christopher McKinlay, Hacker und technischer Berater von „Blackhat“, gesteht, dass die Handlung abenteuerlich sei: „Ist es unmöglich? Nein, aber sehr unwahrscheinlich.“ Selbst wenn man gewillt ist, die Absurditäten als Bond-Variation zu genießen, dann sind da immer noch die Affekte der Figuren, die nichts von den existenziellen Dimensionen Manns früherer Filme besitzen. Zugegeben, nicht alle Programmierer sehen vielleicht wie Mark Zuckerberg oder Julian Assange aus und Typecasting kann fantasielos sein, aber Hemsworth ist mit Abstand der attraktivste, sportlichste und unwahrscheinlichste Hacker. Er kann nicht nur die NSA infiltrieren, sondern auch vier Männer im Alleingang verprügeln.

Der Diskrepanz ist sich der 31-jährige Australier bewusst, sie stört ihn aber nicht. Im Vorfeld hat er sich mit inhaftierten Hackern getroffen, was eine wertvolle Erfahrung war. „Es war faszinierend und auch einschüchternd. Ich dachte mir, wer zur Hölle bin ich da durch die Gefängniszellen zu laufen? Die werden mich in Stücke zerfetzen, die kennen ‚Thor‘ sicher nicht, und sie hatten alle den Film gesehen und riefen ‚Hier kommt Thor!‘“, erzählte der Schauspieler, der schon immer wachsam gewesen sei. „In jedes System kann man eindringen. Ich speichere meine Geheimnisse lieber im Kopf als im Computer“, scherzt er. „Ich habe weder Facebook noch Twitter. Es gibt einige Leute auf Twitter, die vorgeben ich zu sein und das ist frustrierend, aber dann denke ich mir, je mehr es sind desto besser, weil dann sehen die Leute hoffentlich, dass ich nicht hundert Tweets posten kann. Es können nicht alle ich sein!“

Jänner ist jene Zeit in Hollywood, in der - das ist allseits bekannt - die Studios bereits ihre Oscar-Anwärter verbraucht haben und jene Filme freigeben, von denen sie sich weniger versprechen. Es ist keineswegs immer gerechtfertigt, aber im Fall von „Blackhat“ wundert es nicht. Auf die Frage wie man etwas so Unsichtbares dramaturgisch interessant gestaltet, antwortete der Regisseur „mit viel Fantasie“, aber die geht selbst mit dem brillantesten Virtuosen manchmal durch.

(S E R V I C E - www.blackhat-film.de/)


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