Die Legende vom unheiligen Trinker

Ein beinahe vergessenes Meisterwerk: Charles Jacksons ernüchternder Säufer-Roman „Das verlorene Wochenende“.

An den Erfolg seines Debütromans konnte US-Autor Charles Jackson zeit seines Lebens nicht mehr anknüpfen.
© Jackson Family Collection

Von Joachim Leitner

Innsbruck –In der Geschicht­e der modernen Literatur tummeln sich Schluckspecht­e und Quartalssäufer. Was nicht zuletzt daran liegt, dass auch zahllose Schriftsteller und Schriftstellerinnen – von Josep­h Roth über Hemingway bis Marguerite Duras – mehr oder weniger heimlich gesoffen haben.

Auch Charles Jackson, 1903 in New Jersey geboren und 1968 im von rauschreichen Legenden umwobenen New Yorker Chelsea Hotel aus eigenem Willen aus dem Leben geschieden, hat lange Zeit exzessiv getrunken. Und 1944 – in einer kurzen Phas­e produktiver Nüchternheit – seinen ersten Roman dem Thema gewidmet. „Das verlorene Wochenende“ wurde zum Bestseller – und für Jackson zum Fluch. Billy Wilder, der den Roman während einer Zugfahrt gleich zweimal las, sicherte sich die Rechte und verfilmte den Stoff bereits ein Jahr später. Fortan galt „The Lost Weekend“, so der Originaltitel, als ein mit vier Oscars – darunter der für den besten Film – beglaubigtes Wilder-Werk. Jackson, dessen späteren Büchern die Wucht seines Debüts fehlte, wurde vergessen. Der Erfolg von „Das verlorene Wochenende“, sagte er später, sei das Schlimmste, was ihm im Leben widerfahren ist.

Jetzt hat der Zürcher Dörle­mann-Verlag den Roman in wunderbar schnörkelloser Neuübersetzung von Bettina Abarbanell und erweitert um einen kenntnisreichen Kommentar von Rainer Moritz wieder aufgelegt. Und machen wir’s kurz: Der Roman ist ein im wahrsten Wortsinn ernüchterndes Meisterwerk über Sucht und die Zerstörung des Selbst.

Anstatt mit Bruder und Ex-Frau ein Wochenende auf dem Land zu verbringen, bleibt Don Birnam, auch er ein schreibender Spiegeltrinker, allein in New York und bekämpft die Erkenntnis der eigenen Erbärmlichkeit (und den einsetzenden Tremor) mit Scotch. Die ersten Gläser regen die Phantasie an, die nächsten füttern den Größenwahn, die großen Vorbilder Scott Fitzgerald, Joyce, alle können einpacken, dann folgt Katzenjammer und schließlich die Katastrophe.

Roman Charles Jackson: Das verlorene Wochenende. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell, Dörlemann, 350 Seiten, 25,60 Euro.


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