Regisseur Verhoeven: Linke Szene zeige Verständnis für Antisemitismus

New York (APA/dpa) - Michael Verhoeven (76) gilt als einer der wichtigsten Regisseure Deutschlands, wenn nicht Europas. Seine Stimme hat auc...

New York (APA/dpa) - Michael Verhoeven (76) gilt als einer der wichtigsten Regisseure Deutschlands, wenn nicht Europas. Seine Stimme hat auch moralisch Gewicht, weil seine Filme immer soziale Probleme ansprechen. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur will er nicht Kritik an Juden mit Kritik an Israel vermischt sehen und wünscht sich von Muslimen stärkere Symbole gegen Islamisten.

dpa: Herr Verhoeven, die Vereinten Nationen haben gerade Europa kritisiert, weil der Antisemitismus wieder zunehme. Das Thema war oft Gegenstand Ihrer Arbeit. Sehen Sie auch, dass der Hass auf Juden größer wird?

Verhoeven: In meinem eigenen Leben sehe ich das nicht, aber ich bin ja auch subjektiv und nicht jemand, der das wissenschaftlich untersucht. Aber ich lese natürlich Zeitung und ich vertraue darauf, was ich da lese. Wir beobachten seit Jahren, dass es gerade in der linken Szene ein gewisses Verständnis für Antisemitismus gibt. Bei der Ablehnung der Politik des Staates Israels scheint einigen dann nicht mehr die feine Unterscheidung zwischen Kritik an einem jüdischen Staat und Antisemitismus zu gelingen. Der Grund ist ein latenter Antiamerikanismus in der linken Szene in Deutschland. Und da wird Israel abgelehnt, weil die USA einfach die Schutzmacht der Politik Israels zumindest bis heute waren.

dpa: Wird die Kluft zwischen den Religionen, zwischen den Kulturen größer?

Verhoeven: Nach den furchtbaren Ereignissen, zuletzt in Paris, ist eine Angst vor allem Fremden entstanden. Das betrifft auch den Islam, obwohl sich die Angst natürlich eigentlich gegen die Islamisten richtet. Es ist schade, dass das jetzt zu einem gewissen Teil alle Muslime ausbaden müssen, indem viele ihnen nun mit Argwohn begegnen.

dpa: Was kann man tun?

Verhoeven: Ich sehe auch die Muslime selbst in der Pflicht. Sie müssen aufstehen und klar sagen, dass das, was die Islamisten da tun, nichts mit dem Koran zu tun habe. Dabei hat es natürlich doch sehr viel mit dem Koran zu tun, aber der ist ja ähnlich wie die Bibel auslegbar. Die ganzen Grausamkeiten, die man im Koran findet, die stehen auch in der Bibel. Nur wir haben uns durch die Aufklärung davon distanziert. Ich glaube schon, dass es in erster Linie die Aufgabe der Muslime ist, dafür zu sorgen, dass man keine Angst vor dem Islam haben muss. Es waren schließlich auch Muslime, die im Namen des Islam diese furchtbaren Taten begangen haben.

dpa: Wünschen Sie sich eine muslimische Lichterkette? So ähnlich wie die der Deutschen nach den Anschlägen von Neonazis vor zwei Jahrzehnten?

Verhoeven: Ja, warum nicht. Das wäre natürlich nur ein Symbol. Aber es wäre immerhin ein Symbol. Wenn ich ein Muslim wäre, würde ich mich doch bemühen zu verstehen, woher die Angst kommt. Da gibt es doch auch Ursachen bei den Muslimen selbst. Als man vor dem RAF-Terrorismus zitterte, hatte ja niemand Angst vor „den Deutschen“, sondern nur vor den Extremisten. Das sollte doch auch für die Muslime gelten, in der Wahrnehmung ist das aber anders. Da müssen sich die Muslime einfach mehr von den Extremisten distanzieren.

dpa: Haben Sie selbst Angst?

Verhoeven: Angst vielleicht nicht, aber gemischte Gefühle. Und ich frage mich schon, wenn ich manchmal irgendwo unterwegs bin, ob hier vielleicht eine Bombe hochgehen könnte. Die Auswahl der Opfer ist schließlich wahllos und es trifft ja immer völlig Unbeteiligte.

(Das Gespräch führte Chris Melzer/dpa)


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