Anmutiges und Anarchisches

Rund 17.000 Zuschauer erlebten beim Telfer Schleicherlaufen ein farbenfrohes Spektakel zwischen lebendigem Brauchtum, ausgelassener Stimmung und satirischen Seitenhieben.

Die Schleicher treten nur alle fünf Jahre in Telfs in Erscheinung.
© Thomas Boehm / TT

Von Michael Domanig

Telfs – Nur alle fünf Jahre haben Zuschauer aus nah und fern die Gelegenheit, eine der berühmtesten Tiroler Traditionsfasnachten zu erleben: das Telfer Schleicherlaufen. Entsprechend gewaltig war gestern der Publikumsandrang rund um die sechs Aufführungsplätze zwischen Ober- und Untermarkt, auf denen sich an die 500 aktive Fasnachtler präsentierten. Bis zu 17.000 Fasnachtsfans dürften es nach Schätzungen der Polizei gewesen sein. Und nachdem die Gruppe der „Sonne“ bereits in aller Früh erfolgreich um schönes Wetter gebeten hatte – seit 1890 soll es in Telfs keine Fasnacht verregnet haben –, stand einem farbenfrohen, facettenreichen Spektakel nichts mehr im Wege. Die Aufführungen der insgesamt 14 Gruppen bewegten sich dabei im weiten Feld zwischen Eleganz und Anarchie, mystischen Ritualen und satirisch-humoristischen Rundumschlägen. Nachdem die Herolde die Fasnacht lautstark angekündigt hatten, ließ die „Musibanda“ mit virtuosen Trommel- und Dudelsackeinlagen aufhorchen.

Einen besonderen Blickfang boten die lautlos einreitenden, dafür umso stimmungsvolleren „Jahreszeiten“ oder die ganz in Baumbart – also lange Flechten – gehüllten „Wilden“ mit ihren grimmigen Holzmasken. Mittendrin statt nur dabei: der schreiende, Zunge zeigende und Tschinellen schlagende „Panzenaff“. Die „Schleicher“, namensgebend für die gesamte Telfer Fasnacht, vollführten hernach ihren hypnotisierenden Kreistanz, ausgerüstet mit ihren prächtigen, individuell gestalteten Hüten und schweren Schellen. Mit „Artisten, Tiere, Attraktionen“ ließe sich der Auftritt der „Bären und Exoten“ umschreiben: Bereits vor dem eigentlichen Umzug – beim rituellen Zähmen und Einfangen der „Bären“ im idyllischen Meaderloch – hatten sie für spektakuläre Schauwerte gesorgt. Danach boten sie atemberaubende akrobatische Einlagen und eine irrwitzige Menagerie mit Bären und Affen, Kamel und Elefant, Schildkröte und Vogel Strauss samt Sprungfederbeinen. Anarchisch-ausgelassen zeigten sich auch die Laninger, bei denen derbe Sprüche und wilde Raufereien zum Standard-Repertoire gehören.

Die sangesfreudigen „Vogler“ schossen sich besonders auf das Thema „Binnen-I“ ein: Bald werde man wohl „auch den Papst zur Päpstin gendern“, meinten sie. Der Telfer Bürgermeister Christian Härting und seine Gemeinderäte mussten ordentlich einstecken, wenn es um lokale Aufregerthemen ging, etwa um den Schwimmbadneubau oder die Ganzjahreseishalle: „Die Innsbrucker müssen blechen, der Härting lächelt leis’, wer sich mit uns Telfern einlässt, rutscht halt aus am glatten Eis“, reimten die „Vogler“. Auch landespolitische Reizthemen, von Brückenschlag bis Tempo 100, wurden genüsslich kommentiert, ebenso die Misere des FC Wacker. Der Spott der komödiantisch-satirischen Gruppen richtete sich speziell gegen korrupte Politiker, insolvente Banken oder die geplante Autobahn-Maut in Deutschland. Dauergast auf den Fasnachtswägen war natürlich auch Conchita Wurst.

1 von 19

Exoten und Bärentreiber versuchten im Vorfeld des Schleicherlaufens die Bären einzufangen.

© TT/Thomas Böhm

© TT/Thomas Böhm

>

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Kommentieren


Schlagworte