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Mit Mary Shelley und Roxy am See

In seiner in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichneten 3D-Film-Collage „Adieu au langage“ durchwühlt Jean-Luc Godard sein Filmarchiv und treibt den Terror der Bilder und der Sprache auf die Spitze.

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Von Peter Angerer

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Innsbruck –Nach über zehn Jahren der Abwesenheit vom Kino meldete sich Jean-Luc Godard 1980 mit einem neuen Film und einem Buch über die „Geschichte des Kinos“ zurück. Godard war damals 50 und schrieb: „Ich glaube, ich bin mit meinem Leben fertig, und jetzt möchte ich von den Zinsen meines Lebens leben.“ Godard meinte damit eine Art Bilanz, um sein eigenes Werk mit der Filmgeschichte zu verknüpfen und zu ergründen. Er fragte sich etwa: Warum entstanden in einer bestimmten Ära Gangster- und anschließend wieder Polizeifilme?

Der Film der Rückkehr hieß „Rette sich, wer kann (das Leben)“ und wurde nach seiner Uraufführung beim Festival in Cannes ausgepfiffen. Jacques Dutronc spielte darin den Filmregisseur Paul Godard, der bei einem Verkehrsunfall stirbt, aber im Augenblick des Todes glaubt, noch einmal davonzukommen, weil ihm der berühmte letzte Film über das Leben verweigert wird. Vom kommerziellen Kino hatte sich Godard 1967 – den Pariser Mai und die Revolte von 1968 vorwegnehmend – mit „Week end“ verabschiedet. Statt „Fin“ stand am Ende „Fin de cinèma“ – „Ende des Kinos“. Godard, erzählte später sein Kameramann Raoul Coutard, wollte „keine Filme mehr mit dem Geld des Kapitals machen“ und zog sich zurück, um mit Videomaterial zu experimentieren. Damit hatte sich Godard zwar der Kontrolle durch die Filmproduzenten entzogen, doch für das in den 70er-Jahren noch schwerfällige Video gab es kaum Vorführmöglichkeiten und die auf die Vermeidung von Unruhe bedachten öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten waren Godards ästhetisch wie inhaltlich immer radikaler werdenden Arbeiten kaum sendbar, wodurch der politische Effekt verpuffte, da die Filme kein Publikum erreichten.

Das entspannte Verhältnis Jean-Luc Godards zu Kino (Film) und Fernsehen (Video) begann 1980 mit dem Produzenten Alain Sarde, der seither (fast) alle Arbeiten des in der Schweiz lebenden Kinogenies begleitet hatte – vielleicht auch deshalb, um für die Nachwelt und für die Filmgeschichte möglichst viele Godard-Werke zu retten, denn die meisten Filme des Regisseurs wurden nie realisiert, existieren nur in dessen Kopf. Das mag wieder damit zu tun haben, dass Godard nur noch ungern sein Haus und sein Studio am Genfer See verlässt. Diese materielle Immobilität lässt sein Film „Adieu au langage“ („Lebewohl Sprache“) erahnen.

Godards Archiv ist mit einem unermesslichen Bildervorrat gefüllt, die Geschichten spült der Genfer See an das Ufer. Mary Shelley (Jessica Erickson) entwirft dort – 1816 – ihren „Frankenstein“, doch Godard ist der „moderne Prometheus“, der aus Fundstücken, Bildern und Tönen das Kinomonster montiert. Was übrig bleibt, hat in einer Kloschüssel Platz. Godard sagt es als Erzähler etwas drastischer. Gédéon (Kamel Abdelli) sitzt dazu auf dem Klo, seine Geliebte (Héloise Godet) nimmt die nach verdorbener Nahrung klingenden Geräusche als Zeichen für Intimität. Später wird Gédéon noch sagen, „Links und rechts haben die Plätze getauscht, aber oben und unten sind gleich geblieben. Warum?“ Josette wird ihn auf Deutsch anherrschen: „Hier gibt es kein Warum!“

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2013 produzierte Alain Sarde mit Jean-Luc Godard, Peter Greenaway und Edgar Pêra den Episodenfilm „3 x 3D“, der allerdings nur als 2D-DVD erhältlich ist. In seinem Langfilm in 3D zwingt Godard die Kinogeher zu einem oft schmerzhaften Lernprozess, da sich manche Bilder aus dem Staub machen und nur mit einem geschlossenen Auge zu ertragen sind. Es ist übrigens Godards Hund Miéville, der den Rollennamen Roxy trägt und dem Publikum nach einem Bad im See in einem überwältigenden 3D-Effekt die lange Nase zeigt.


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