Israel-Wahl - Sephardim: Traditionelle Likud-Klientel gespalten

Jerusalem (APA/Reuters) - In der Vergangenheit konnte die rechtsgerichtete Likud-Partei von Israels Premier Benjamin Netanyahu am Wahltag au...

Jerusalem (APA/Reuters) - In der Vergangenheit konnte die rechtsgerichtete Likud-Partei von Israels Premier Benjamin Netanyahu am Wahltag auf Leute wie den 50-jährigen Geschäftsinhaber Yossi Levy zählen. Levy, der bisher immer Likud gewählt hat, wie er von sich selbst sagt, gehört zu den Sephardim, den Juden mit orientalischer Abstammung, die für eine harte Haltung gegenüber den arabischen Feinden sind.

Sie bilden das Rückgrat der Likud-Klientel. Dabei sind die Sephardim tendenziell deutlich ärmer als die Ashkenazim mit europäischen Wurzeln. Verärgert über die hohen Wohnungs- und Lebenshaltungskosten unter Netanyahus Regierung seit 2009, könnten sie bei der Parlamentswahl am Dienstag nun anderen Parteien ihre Stimme geben.

„Wir leben sowieso tagtäglich mit dem Krieg, da ist das einzige, das mich interessiert, den Kühlschrank voll zu haben“, sagt Levy in seiner Greißlerei auf dem Talpiot-Obst- und -Gemüsemarkt in der nordisraelischen Stadt Haifa.

Umfragen sehen Netanyahu kopf-an-kopf mit Oppositionsführer Isaac Herzog, der als Chef der Arbeitspartei an der Spitze des Mitte-Links-Bündnisses Zionistische Union in die Wahl zieht. Dem Likud werden bessere Chancen eingeräumt, nach der Wahl einen Mehrheitskoalition zu bilden, weil er potenziell mehr Partner zur Verfügung hat. Die Lage könnte sich aber anders darstellen, wenn die Zionistische Union doch einige Parlamentssitze mehr gewinnt als die Netanyahu-Partei.

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung ab sofort bis auf Weiteres kostenlos digital abrufen

TT E-PaperTT E-Paper

Netanyahus Kampf um den Erhalt der Stimmen der sephardischen unteren Mittelschicht spielt sich an Orten wie dem Markt in Haifa oder dem Mahane-Yehuda-Markt in Jerusalem ab. Auf letzterem absolvierte Netanyahu höchst persönlich am Montag einen Wahlkampfauftritt. Anders als sonst, wurden die Medien nicht im Voraus über den Besuch in formiert. Kommentatoren werteten das als Zeichen, dass ein lauwarmer Empfang in einer bisherigen Bastion befürchtet wurde, von dem eine breite Öffentlichkeit im Falle des Falles besser nichts erfahren sollte.

Ein Video, das es von Netanyahus Auftritt gibt, zeigt Marktkunden, die den Premier beklatschen, als er ihnen ein „florierendes Jerusalem“ verspricht - wenn sie Likud wählen. Eine Kaffeehausbesitzerin, der Netanyahu einen Latte Macchiato servierte, berichtet aber von einem symbolischen Protest ihrerseits: Als Netanyahu mit einer 100-Shekel-Note bezahlte, gab er die 87 Shekel (gut 20 Euro) Retourgeld in unzähligen kleinen Münzen zurück. „Es war wichtig, ihn daran zu erinnern, dass, während er dauernd die nukleare Bedrohung durch den Iran heraufbeschwört, wir täglich um unser kleines Einkommen kämpfen“, sagte die Kaffeehausbesitzerin.

Um die Wähler auf dem Talpiot-Markt in Haifa zu mobilisieren, schickte der Likud die glühende sephardische Abgeordnete Miri Regev dorthin. „Ihr müsst für den Likud stimmen, wir haben mehr getan als jeder andere“, schrie Regev, eine Brigadegeneralin und politische Hardlinerin, durchs Mikrofon, an die Marktkunden gerichtet. Die 49-Jährige tourt mit einem Wohnwagen mit ihrem Bild und dem Likud-Logo durch entlegene Städte. „Je mehr Leute von der Peripherie zur Wahl gehen, desto mehr Stimmen wird der Likud bekommen“, sagt Regev.

Laut Shmuel Sandler, Politikwissenschafter an der Bar-Ilan Universität bei Tel Aviv, stimmen die Sephardim zwar traditionell für den Likud. „Aber dieses Mal ist es nicht ganz klar, wie es aussehen wird.“ Einige Einkaufende auf dem Talpiot-Markt sagte, sie seien am Überlegen, ob sie ihre Stimme statt dem Likud nicht einer Partei mit prominenterer Wirtschaftsagenda geben sollten. „Bibi (Spitzname Netanyahus, Anm.) hat uns ins Gesicht gespuckt. Ich glaube keinem mehr was“, sagt Marktgänger Shaul Sabag, als Regev vorbeigeht. Levy, der Putzartikel verkauft, bevorzugt, überhaupt nicht zur Wahl zu gehen.

Gideon Rahat, ein politischer Analyst an der Hebräischen Universität Jerusalem, erläutert, Levys Fall sei beispielhaft dafür, wie Israelis der ärmeren Schichten sich von der Politik entfernten. Früher war das ein seltenes Phänomen im von Sicherheitsfragen dominierten Israel. „Das ethnische Stimmverhalten hilft dem Likud nicht mehr zwingend, aber das heißt nicht auch, dass sie hinter Netanyahus Rivalen zurückfallen“, so Rahat. „Die Anti-Netanyahu-Stimmung wird Wähler nicht unbedingt dazu bringen, für eine andere Partei zu stimmen; sie könnten einfach gar nicht abstimmen.“

Die Likud-Partei könnte Stimmverluste bei den Sephardim außerdem wettmachen, indem sie mit Parteien der Mitte oder religiösen Parteien zusammengeht, die sich um die Unterstützung der Sephardim gezielt bemüht haben. Die ultra-orthodoxe Shas-Partei und die zentristische Likud-Abspaltung Kulanu haben signalisiert, dass sie eher einer Regierung unter Netanyahu angehören wollten als einer unter Herzog.


Kommentieren