Der ungehörte Schrei nach Hilfe

In Syrien wird vier Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs die Not immer größer: Hilfsorganisationen klagen an.

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New York, Genf, Berlin, Wien – Angesichts der desolaten humanitären Lage in Syrien nach vier Jahren Bürgerkrieg haben Hilfsorganisationen dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen völliges Versagen vorgeworfen. Keine der UNO-Resolutionen habe etwas bewirkt. Ganz im Gegenteil: Der Blutzoll wird immer höher, das Abschlachten immer brutaler, auch der letzte Funken Hoffnung erlöscht. Der UNO sei es nicht gelungen, die Menschen in dem Land zu schützen, heißt es in dem gestern veröffentlichten Bericht „Failing Syria“ (Versagen in Syrien) zum vierten Jahrestag des Beginns des Aufstands gegen das Regime von Präsident Bashar Al-Assad am 15. März 2011.

2014 hätten die Syrer das blutigste Jahr des Konflikts erlebt, heißt es in dem Bericht der 21 Organisationen, darunter etwa Oxfam, World Vision, Pax Christi International und Save the Children. Allein im vergangenen Jahr wurden laut dem Bericht 76.000 Menschen getötet. Seit Ausbruch des Konflikts im März 2011 sind bereits über 220.000 Tote zu beklagen. Die Zahl der kaum zu erreichenden Hilfsbedürftigen habe sich innerhalb eines Jahres auf 4,8 Millionen mehr als verdoppelt. 5,6 Mio. Kinder seien auf Hilfe von außen angewiesen, fast ein Drittel mehr als im Vorjahr. „Die bittere Realität ist, dass der UNO-Sicherheitsrat die Resolutionen nicht umgesetzt hat“, zeigt sich Kathrin Wieland von Save the Children empört. „Das vergangene Jahr war das dunkelste seit Ausbruch dieses fürchterlichen Krieges.“

„Diese schlimmste humanitäre Krise unserer Zeit sollte eigentlich große globale Unterstützung auslösen, stattdessen geht die Hilfe weiter zurück“, klagt auch der UNO-Hochkommissar für Flüchtlinge, António Guterres. Weil keine politische Lösung in Sicht sei, gebe es für die 3,9 Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei, im Libanon, in Jordanien, im Irak und in Ägypten keine Aussicht auf eine Rückkehr in ihre Heimat. Dazu kommen noch Millionen von Flüchtlingen im eigenen Land – Hunderttausende davon in belagerten Kampfzonen.

Für immer mehr Kinder wird der Krieg in Syrien zum bitteren Überlebenskampf. Etwa 5,6 Millionen Buben und Mädchen befänden sich innerhalb der syrischen Grenzen in einer „akuten Notsituation“, erklärte das UNO-Kinderhilfswerk Unicef. Bis zu zwei Millionen von ihnen seien durch den Krieg ganz oder zeitweise von jeglicher humanitären Hilfe abgeschnitten. Die Hilfsappelle fänden aber kaum noch Resonanz. „Wir schätzen, dass wir in diesem Jahr 297 Mio. US-Dollar (rund 280 Mio. Euro) für unsere Operationen in Syrien brauchen werden, davon sind bisher erst drei Prozent eingegangen“, erklärte die Leiterin von Unicef in Syrien, Hanaa Singer. Schon 2013 waren die Hilfen der Vereinten Nationen nur zu 71 Prozent finanziert, 2014 seien es nur noch 57 Prozent gewesen. „Die Lage in Syrien wird immer dramatischer, noch nie mussten die Vereinten Nationen in einer Krise so viel Hilfe leisten“, heißt es im Bericht der 21 Hilfsorganisationen.

Nach Angaben der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ ist das Gesundheitssystem Syriens durch den vierjährigen Konflikt völlig zusammengebrochen. Der Zugang zu lebenswichtigen medizinischen Behandlungen sei kaum noch möglich, weil medizinisches Material und qualifiziertes Personal fehlten und selbst Krankenhäuser angegriffen würden. Auch die Hilforganisation CARE Österreich macht auf die unvorstellbare Not aufmerksam. Stromversorgung gebe es kaum noch: Rund 83 Prozent des Landes liege mittlerweile in Dunkelheit, wie laut CARE eine Auswertung von Satellitenbildern seit 2011 ergab. „Das Ausmaß der Verzweiflung und Zerstörung in Syrien ist unermesslich und es ist kein Ende in Sicht“, erklärt CARE-Österreich-Geschäftsführerin Andrea Wagner-Hager. (dpa, APA, AFP, jec)

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