UNICEF-Direktorin in Damaskus bittet: Gebt Syrien nicht auf

Berlin (APA/dpa) - Es gibt Tage, da schlagen Leid und Elend wie eine Welle über Hanaa Singer zusammen. Wenn das passiert, besucht die Leiter...

Berlin (APA/dpa) - Es gibt Tage, da schlagen Leid und Elend wie eine Welle über Hanaa Singer zusammen. Wenn das passiert, besucht die Leiterin der Operation des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF in Damaskus am liebsten eine Schule. „Ich sehe mir diese Kinder an, die alle schon fürchterliche Gewalt erlebt haben. Ich sehe, wie sie trotzdem unbedingt lernen wollen, das gibt mir Kraft für meine Arbeit“, sagt Singer.

Vier Jahre nach Beginn des Aufstandes gegen Präsident Bashar al-Assad ist ein Viertel aller syrischen Schulen zerstört. Eine Generation von teilweise schwer traumatisierten Kindern wächst heran. „Wenn wir diese jungen Menschen jetzt nicht retten, dann können sie von verschiedenen Gruppen manipuliert und benutzt werden“, warnt Singer. Sie ist diese Woche in Berlin, um auf die großen Finanzierungslücken von UNICEF in Syrien hinzuweisen.

Zu Singers Aufgaben in Syrien gehört es auch, schwere Verletzungen von Kinderrechten zu dokumentieren. Anfang dieser Woche traf sie dazu die Mutter eines Mädchens, das beim Spielen im Umland von Damaskus von einer Mörsergranate getroffen worden war. „Der Kopf des Mädchens war abgetrennt worden, die Mutter redete mit mir, sie hatte keine Tränen mehr, sie war wie viele Menschen in Syrien, sie hatte einfach schon zu viel Schreckliches erlebt.“

Die UNICEF-Vertreterin sprach auch mit zwei Buben, die bei demselben Angriff schwer verletzt worden waren. „Der eine Bub, er war sieben oder acht Jahre alt, ihm fehlte ein Auge, mit dem anderen Auge sah er mich an, sein Blick war wie tot und voller Bitterkeit.“

Bisher hat UNICEF drei Tätergruppen identifiziert, denen schwere Verletzungen von Kinderrechten zur Last gelegt werden: die syrische Armee, die radikal-islamistische Al-Nusra-Front und die jihadistische Organisation „Islamischer Staat“ (IS). Laut Singer rekrutieren nicht nur die IS-Extremisten Kinder als Kämpfer. Sie sagt: „Auch in anderen bewaffneten Gruppen kämpfen Kinder, teilweise werden sie auch als Köche oder Spione eingesetzt.“

Zu den von den IS-Jihadisten kontrollierten Gebieten und zu einigen belagerten Ortschaften hat UNICEF derzeit keinen Zugang. In den Regionen, die von der Regierung und den Rebellen kontrolliert werden, verteilt die Hilfsorganisation vor allem Chlortabletten für die Trinkwasserdesinfektion sowie Schulbücher.

Die IS-Kämpfer in Raqqa und Deir ez-Zor haben die blauen UNICEF-Rucksäcke mit den Schulbüchern zurückgewiesen. Sie haben ihren eigenen Lehrplan entwickelt und zwingen die Lehrer, den Kindern ihre eigene extreme Interpretation des Islam zu vermitteln. „Teilweise bringen sie ihnen auch in den Schulen bei, wie man kämpft“, sagt Singer.

Was sie immer wieder staunen lässt, ist die Fassade der Normalität, die das syrische Regime im Zentrum von Damaskus noch mit aller Macht aufrechterhält. „Die Straßen sind sauber, in den Springbrunnen ist Wasser, und auf den Plätzen werden immer wieder frische Blumen eingepflanzt.“

Ein Ende des Krieges könnte nach Ansicht der UNICEF-Leiterin nur durch eine politische Lösung erreicht werden, an der sich alle relevanten regionalen Akteure der Region beteiligen. Sie räumt zwar ein, „dass dies einer der kompliziertesten Konflikte im gesamten Nahen Osten ist“. Trotzdem bittet sie die internationale Gemeinschaft: „Bitte, gebt Syrien nicht auf!“


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