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Diagonale - Constantin Wulff 2: Auch „die Grenzen des Helfens“ zeigen

Graz/Tulln (APA) - APA: Welche Hindernisse waren zu überwinden? Wie hoch war die Bereitschaft des Personals, sich der Kamera auszusetzen?...

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Graz/Tulln (APA) - APA: Welche Hindernisse waren zu überwinden? Wie hoch war die Bereitschaft des Personals, sich der Kamera auszusetzen?

Wulff: Paulus Hochgatterer (der bekannte Autor ist Primar der Klinik, Anm.) hatte meinen Semmelweis-Film auf 3sat gesehen, und ich habe ihn angesprochen, ob er sich vorstellen könnte, dass man mit ähnlicher filmischer Methode auch etwas in der Abteilung macht, die er in Tulln leitet. Er hat zugesagt, wir haben die Entscheidungsträger gefragt, und das Team hat den Film sehr unterstützt. Anfangs hatte ich aber noch ein Konzept, in dem keine Kinder und Jugendliche vorkommen, da ich davon ausgegangen war, dass von den Patienten und Angehörigen wahrscheinlich niemand zustimmen wird. Deshalb war es für mich eine wunderbare Überraschung, dass die meisten Eltern das Filmprojekt unterstützt haben. Es haben sich allerdings nur wenige getraut, das dann auch in die Tat umzusetzen - aus Angst vor der gesellschaftlichen Ächtung.

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APA: Sie haben die Einverständnisse der Menschen, die Sie zeigen, vorher eingeholt. Aber hatten Sie auch das Pouvoir, zu zeigen, was Sie wollen?

Wulff: Ja, denn der Final Cut, der Endschnitt, lag von Anfang an bei mir.

APA: Ganz hart wird es bei den Fällen, bei denen man den Eindruck hat, hier übernimmt das Personal eine (vor-)polizeiliche Funktion - wenn etwa darüber geredet wird, dass offenbar der Verdacht auf sexuellen Missbrauch besteht.

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Wulff: Da spricht der Film etwas an, was auch eine juristische Debatte ist. Psychologisch geschultes Personal kann Dinge erkennen, die ganz klar sind, doch diese Form des Beweises hat vor Gericht nicht das Gewicht, das sich das Personal wünscht. Aber sie wollen diese Rolle ja auch nicht spielen, sie sind ja nicht die Polizei. Ich wollte die Grenzen der Hilfestellung zeigen, an denen das Personal leidet und die eine tagtägliche Zumutung sind. Eine Oberärztin bringt es auf den Punkt: „Können wir den jungen Burschen, bei dem es einen Missbrauchsverdacht gibt, nach Hause entlassen?“ Das ist eine extrem belastende Frage, die sich dort aber immer wieder stellt

APA: Was war für Sie der größte Lernprozess während dieser Arbeit?

Wulff: Eines meiner positiven Vorurteile war es, dass in dieser Abteilung in Tulln mit Engagement und Wissen sehr viel Veränderung möglich ist. Das stimmt auch. Im Material habe ich dann aber viele Szenen gefunden, die auch die Grenzen des Helfens gezeigt haben. Das war für mich deprimierend, denn ich wollte stärker zeigen, wie großartig das Potenzial einer solchen Institution ist. Dort wird vorbildliche Arbeit geleistet. Ich finde es unverzichtbar, dass eine Gesellschaft auch solche Orte zur Verfügung stellt. Es muss noch viel mehr davon geben.

APA: Sie haben den Film dem Team von Tulln bereits gezeigt. Wie waren die ersten Reaktionen?

Wulff: Grundsätzlich positiv. Die meisten können das als ein Abbild ihrer Arbeit sehen, zu dem sie stehen. Einige haben den Film als Spiegel gesehen, dessen Bild nicht mit ihrem Selbstbild übereinstimmt. Es gehört eine große Portion an Selbsterkenntnis dazu, dass man mit diesen Bildern, die man von sich preisgibt, auch zurecht kommt. Aber es war immer klar, dass ich keinen Werbefilm machen werde, keinen Film, der versucht, ein möglichst weich gezeichnetes, aber irreales Bild des Psychiatriealltags zu zeigen. Die Diskussionen, die dort auch über die eigene Arbeit geführt werden, finde ich total spannend. Und es ist auch mutig, dass sie sich mit diesem Film der Diskussion stellen.

APA: Ihr Film hat seine Österreich-Premiere im Rahmen der Diagonale. Sie selbst waren von 1997 bis 2003 Co-Leiter dieses Festivals. Wie sehen Sie die Entwicklung, die es seither genommen hat?

Wulff: Ich stehe der Entwicklung des Festivals sehr positiv gegenüber. Ich finde, die Diagonale ist am Puls der Zeit geblieben. Es ist gut, dass das jetzt auch junge Leute übernehmen. Ich muss manchmal darüber schmunzeln, wenn ich daran denke, wie wir, Christine Dollhofer und ich, damals das Festival gemacht haben und wie sich das seither in allen Bereichen unglaublich entwickelt hat. Zu Beginn war die Diagonale noch eine Art Handmade-Festival, das mit den Jahren zu einem Kulturereignis geworden ist, das für Graz und Österreich ganz zentral ist.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Screenings von „Wie die anderen“ bei der Diagonale in Graz: Donnerstag, 19. März, 20.30 Uhr, Schubertkino 1 und Samstag, 21. März, 11 Uhr, UCI Annenhof 5, www.diagonale.at)


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