Was der Lautsprecher verkündet
Schönbergs „Erwartung“ und Ullmanns „Kaiser von Atlantis“: Zum vierten Mal bestreitet das Tiroler Ensemble für Neue Musik Opernaufführungen im Landestheater.
Von Ursula Strohal
Innsbruck –Der Tod verweigert seine Arbeit, als der machtgierige Kaiser den Krieg ausruft. Elend und Chaos herrschen, und der Tyrann muss sich selbst opfern, damit der Tod seine Arbeit wieder aufnimmt. Der Komponist Viktor Ullmann schrieb den Opern-Einakter „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ auf einen Text seines Mithäftlings Peter Kien 1943/44 im KZ Theresienstadt. Es gab dort, vom SS-Kommando erlaubt, kulturelle Aktivitäten.
Nach der Generalprobe durfte die Aufführung nicht stattfinden. Ullmann und Kien wurden 1944 in Ausschwitz ermordet. Der Komponist hatte vor der Deportation das Autograph einem Freund übergeben, der überlebte. Die Uraufführung von „Der Kaiser von Atlantis“ fand 1976 in Amsterdam statt, allerdings in einer Bearbeitung.1992 brachte das Saarländische Staatstheater eine revidierte Fassung heraus. Ullmann ist inzwischen in der Musikwelt kein Unbekannter mehr, viele seiner Werke sind auf Tonträger zugänglich.
Das Tiroler Landestheater bringt die Ullmann-Oper in der Originalfassung für Kammerorchester morgen Samstag in den Kammerspielen heraus. Gekoppelt wird das einstündige Werk, in dem neben Kaiser und Tod (Manuel Wiencke, Marc Kugel) noch ein Lautsprecher, ein Trommler, zwei Soldaten und als Vertreter des Lebens der Harlekin auftreten, mit der 1909 entstandenen Kammeroper „Erwartung“ von Arnold Schönberg, in der eine Frau (Susanna von der Burg) über der Suche nach dem Geliebten in Wahnsinn verfällt. In der Reihe „Opera Austria“ werden beide Werke erstmals am Rennweg gezeigt.
Das Schönberg-Monodram liegt szenisch in Händen des jungen Innsbruckers Sebastian Juen, der seit der Spielzeit 2012/13 am Tiroler Landestheater als Regieassistent und Abendspielleiter im Musiktheater tätig ist. Mareike Zimmermann inszenierte die Ullmann-Oper. Eine Chance bekamen mit dem Doppelabend auch zwei Ausstattungsassistentinnen des TLT, die Architektin Katharina Ganner (Bühne) und Iris Jäger (Kostüme).
Es sind fordernde Werke, die Alexander Rumpf als Dirigent verantwortet. Als Orchester hat er die Spezialisten des Tiroler Ensembles für Neue Musik (TENM), die am Theater nach den beiden Operellen-Abenden und „Stallerhof“ nun auch Schönberg/Ullmann Gehör verschaffen. Das Ensemble, flexibel besetzbar vom solistischen Einsatz bis zu 20 Musikern, hat sich für den höchst anspruchsvollen Schönberg-Part lediglich zwei Gäste geholt, Anja Schaller aus Fürth und Mugi Takai aus München, beide Violine, Schaller auch in der Funktion als Konzertmeisterin. Das TENM entlastet nicht nur das intensiv beschäftigte Tiroler Symphonieorchester, es bringt als Spezialist für Neue Musik einschlägige Erfahrung ein und konnte Rumpf genügend Proben in immer derselben Besetzung anbieten.
„Wir schaffen’s noch“, sagt Harald Pröckl, TENM-Leiter, Akkordeonist und Optimist. Mit den seit Jahren im Wesentlichen gleich gebliebenen Subventionen von Bund, Land und Stadt Innsbruck (insgesamt 22.500 Euro) bestreitet das Ensemble sein Jahrespensum, wobei Neue Musik aufzuführen bekanntlich kostspieliger ist als die schon freie Alte Musik. Vier Konzerte bietet TENM, das auch im näheren Umkreis Tirols konzertiert, nach dem Einsatz im Tiroler Landestheater noch heuer in Innsbruck mit immerhin vier Uraufführungen: ein Posaunenkonzert von Florian Bramböck sowie Ensemblestücke von Johannes Sigl, Michael Hornek und dem jungen Osttiroler Daniel Oliver Moser, der damit erstmals in Nordtirol vorgestellt wird. Dazu kommen Werke u. a. von Judith Unterpertinger, Martin Lichtfuss, Karlheinz Essl und Jacob ter Veldhuis.