Vor 150 Jahren: Ende des Bürgerkrieges als Geburtsstunde der USA

Washington (APA) - Am 4. Juli feiern die Amerikaner ihren Unabhängigkeitstag, doch die eigentliche Geburtsstunde der Vereinigten Staaten von...

Washington (APA) - Am 4. Juli feiern die Amerikaner ihren Unabhängigkeitstag, doch die eigentliche Geburtsstunde der Vereinigten Staaten von Amerika ist der 9. April 1865. Er markiert den Sieg der Nordstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg und machte aus dem losen Zusammenschluss der US-Staaten jene feste Union, die in der Folge zur führenden Weltmacht aufstieg.

Mit 600.000 Toten war der vierjährige Bürgerkrieg einer der blutigsten der Weltgeschichte. Im April 1861 hatten sich mehrere sklavenhaltende Südstaaten aus Protest gegen die Wahl des Republikaners Abraham Lincoln zum US-Präsidenten für unabhängig erklärt. Die wirtschaftlich überlegenen Nordstaaten standen in dem folgenden militärischen Konflikt mehrmals am Rande der Niederlage gegen den vom brillanten General Robert E. Lee geführten Süden.

Als einer der entscheidenden Wendepunkte im Krieg galt die von Lincoln mit 1. Jänner 1863 verfügte Sklavenemanzipation. Der Präsident hatte sich im Sommer 1862 erst nach längerem Zögern und unter dem Eindruck der militärischen Erfolge des Südens zu diesem Schritt durchgerungen, gegen den er zuvor verfassungsrechtliche Bedenken gehabt hatte. Zum Kriegsziel wurde die Sklavenemanzipation erst nach Lincolns berühmter Rede auf dem Schlachtfeld von Gettysburg (Pennsylvania) im November 1863 erhoben.

General Lee kapitulierte am 9. April 1865 in Appomatox (Virginia) namens der Südstaaten vor dem Nordstaaten-General Ulysses S. Grant, der von 1869 bis 1877 US-Präsident sein sollte. Lincoln sollte sich nur fünf Tage der Wiederherstellung der Union erfreuen. Am 14. April 1865 verübte der fanatische Südstaatler John Wilkes Booth im Washingtoner Ford Theater ein Schussattentat auf den Präsidenten, dem dieser am 15. April erlag.

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Der Sieg des Nordens stärkte zwar die Union, die Animositäten zwischen den Nord- und Südstaaten blieben aber bestehen. Die Sklaven wurden befreit und erhielten mit drei Verfassungszusätzen im Jahr 1866 die Bürgerrechte und das Wahlrecht, doch blieben sie weiterhin Menschen zweiter Klasse. An die Stelle der Sklaverei trat in vielen Südstaaten die Rassentrennung, die erst durch die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre beendet wurde. Benachteiligt sind die Schwarzen aber bis heute.

Die Sklavenemanzipation ließ die großen Baumwoll-, Zuckerrohr- und Tabakplantagen der „Aristokratie“ in den Südstaaten unwirtschaftlich werden, was zum Aufschwung kleinerer Farmer und Händler führte. Insgesamt triumphierte die kapitalistische Industriegesellschaft über die agrarische Wirtschaft. Gefördert wurde diese Entwicklung von den Republikanern, die den Kongress während der Abwesenheit der Abgeordneten aus den Südstaaten dominierten. So konnte man zu Kriegsende sagen, der agrarische Süden sei mehr in den Hallen des Kapitols als auf den Schlachtfeldern besiegt worden.

Während sich Lincoln für Milde gegenüber den besiegten Südstaaten eingesetzt hatte, gewannen nach seinem Tod radikale Vertreter seiner Republikaner die Oberhand. Sie setzen eine scharfe militärische und politische Kontrolle des Südens durch. Die Emanzipation der vier Millionen Sklaven war ihnen dabei nur ein Mittel zum Zweck der Konsolidierung der Macht der „kapitalistischen“ Klasse. Der Industriellen-Plutokratie stellte sich aber auch Lincolns Nachfolger Andrew Johnson in den Weg, der im Jahr 1868 nur knapp einer von den Republikanern betriebenen Amtsenthebung entging.

Der Ausnahmezustand nach dem Bürgerkrieg sollte mehr als zehn Jahre dauern. Erst das Patt bei der Präsidentenwahl 1876 führte zum Ende der „Reconstruction Era“. Die Demokraten, deren Kandidat Samuel Tilden landesweit die meisten Wählerstimmen erhalten hatte, gaben ihre Proteste gegen den Sieg des Republikaners Rutherford Hayes im Wahlmännergremium erst auf, als dieser das Ende der militärischen Besatzung des Südens versprach.

Wirtschaftspolitisch standen Tilden und Hayes jedoch auf derselben Seite. Auch im Süden hatten sich konservative Kreise mit der neuen kapitalistischen Wirtschaftsordnung abgefunden, wodurch eine neue bürgerliche Nord-Süd-Allianz entstand. Um dieses Bündnis zu sichern, gab der Norden seine Bemühungen zur Verwirklichung der Schwarzenrechte auf, die von den weißen Regierungen der Südstaaten zuvor nur widerwillig umgesetzt worden waren.

Wirtschaftlich war die Zeit zwischen dem Bürgerkrieg und dem Ersten Weltkrieg ein „Goldenes Zeitalter“ für die USA. Das „Big Business“ nahm seinen Aufschwung. Vielen Unternehmern kam jetzt der Reichtum des Landes an fruchtbarem Boden, Bodenschätzen und Rohstoffen, ein aufnahmefähiger Binnenmarkt, ein in raschem Ausbau befindliches Eisenbahnnetz und der Einwandererstrom aus der Alten Welt zugute.

Es entstand eine neue Klasse prestigeträchtiger, übermächtiger und oft mit größter Rücksichtslosigkeit gegen Konkurrenten vorgehender Großunternehmer wie „Ölmagnat“ John D. Rockefeller, „Stahlkönig“ Andrew Carnegie, Philip D. Armour als führender Fleischkonserven-Hersteller, John Pierpont Morgan und Andrew Mellon auf dem Banken- und Finanzierungssektor, James J. Hill, Leland Stanford und Edward H. Harriman als „Eisenbahnkönige“, Henry Ford als Revolutionär der Autoproduktion oder der Zeitungsmagnat William Randolph Hearst.

Man nannte diese Wirtschaftsführer Giganten und Titanen, aber auch Räuber, Halunken und auch Verbrecher, die Unsummen verdienten und verschwendeten. Aber in einem turbulenten Zeitalter waren sie es, die dazu beitrugen, dass die USA alle anderen Länder überflügelte und industriell, wirtschaftlich und damit auch politisch zu einer Weltmacht aufstieg.


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