Kapitulation als Voraussetzung für Österreichs Freiheit

Das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren. Vor allem für die gepeinigten Opfer der Nazidiktatur war der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung, für die „Volksgenossen“ war es eher ein Zusammenbruch.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren. Vor allem für die gepeinigten Opfer der Nazidiktatur war der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung, für die „Volksgenossen“ war es eher ein Zusammenbruch.
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Von Michael Gehler

Die Wehrmachtsführung sollte infolge der Forderung der Anti-Hitler-Koalition auf der Konferenz von Casa­blanca vom 14. bis 26. Januar 1943 zwei Jahre später mit allen Teilstreitkräften (Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe) bedingungslos kapitulieren. Waffenstillstandsverhandlungen waren damit ausgeschlossen. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels schwor in seiner berüchtigten Rede im Berliner Sportpalast die „Volksgemeinschaft“ noch auf den „totalen Krieg“ ein. Widerstand gegen das NS-Regime wurde immer gefährlicher. Dennoch versuchten Spitzen der Wehrmacht den Tyrannenmord. Am 20. Juli 1944 scheiterten sie jedoch. Das Attentat auf Hitler misslang. In den letzten beiden Kriegsjahren kamen mehr Soldaten auf den Schlachtfeldern Europas und Zivilisten durch den Bombenkrieg an der „Heimatfront“ zu Tode als vor der bedingungslosen Kapitulation. Hitler hatte jegliches Aufgeben abgelehnt und am 30. April 1945 im „Führerbunker“ Selbstmord begangen.

Nach dem Tod im Bunker

Es folgte die Unterfertigung von zwei Kapitulationsurkunden durch deutsche Militärs: Am 7. Mai im Obersten Hauptquartier der westalliierten Expeditionsstreitkräfte in Reims, was am Folgetag in Kraft trat, und in Berlin-Karlshorst am 9. Mai im Hauptquartier der sowjetischen 5. Armee. Der 8. Mai wird in der Europäischen Union als „Tag der Befreiung“ und bedingt durch die Zeitverschiebung in Russland der 9. Mai für das Ende des von Stalin so proklamierten „Großen Vaterländischen Krieges“ als „Tag des Sieges“ erinnert.

Das Aus für die NS-Herrschaft ging mit militärischer Besetzung des Deutschen Reichs und der „Ostmark“ durch alliierte Truppen einher. Die von der NS-Diktatur gepeinigten Opfer in den KZs empfanden es als „Befreiung“, anders hingegen viele der „Volksgenossen“, nämlich mehr als „Zusammenbruch“. So herrschten Ungewissheit, aber auch Erleichterung über das Ende des Krieges, den man durch Luftangriffe und Flächenbombardements als opfer- und leidvoll erlebt hatte.

Viele deutsche Städte waren ohne militärstrategische Gründe noch in den letzten Kriegswochen in Schutt und Asche gelegt worden. Mit der bedingungslosen Kapitulation war jegliche deutsche Souveränität verloren. Seither galt der Vier-Mächte-Status für Berlin und „Deutschland als Ganzes“. Die noch zu Hitlers Lebzeiten am 27. April 1945 in Wien konstituierte provisorische Regierung unter Karl Renner konnte sich auf den Opferstatus berufen, zumal es die Alliierten selbst waren, die aufbauend auf dieser ihrer These die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Österreichs gegen Ende der Moskauer Außenminister-Konferenz in einer Erklärung am 1. November 1943 ausgerufen hatten.

Diese war neben einer Anspielung auf die österreichische Verantwortung und damit verbundenen Reparationsforderungen der sowjetischen Seite mit juristischen Folgewirkungen auch ein Produkt psychologischer Kriegführung der Alliierten gewesen.

Dankbare Opferthese

Mit dieser Deklaration sollte österreichischer Widerstand gegen das Hitler-Regime hervorgerufen werden – der Erfolg hielt sich jedoch in Grenzen. Die Moskauer Erklärung verfolgte eigentlich das primäre Ziel, Österreich von Deutschland ein für allemal abzutrennen. So gesehen verdankte das Land seine politische Wiederexistenz – wie durch den Friedensvertrag von St. Germain 1919 – der alliierten Absicht zur Schwächung seines Nachbarn im Norden und war damit zu seiner Unabhängigkeit verdammt.

Österreichs Politiker bedienten sich bereitwillig der „Opferthese“, wobei sie ausblendeten, dass viele ihrer Landsleute den Einmarsch der deutschen Truppen im März 1938 nicht nur bejubelt und begrüßt, sondern auch die NS-Judenverfolgungspolitik mitgetragen und diese bis zu letzten Konsequenz umgesetzt hatten: dem Massenmord. Im Unterschied zu Deutschland wurde in Österreich nach der Kapitulation das anfänglich teilweise praktizierte Fraternisierungsverbot in den westlichen Zonen nicht lange gehandhabt. Die Franzosen sahen Österreich als befreundetes Land („pays ami“). In der sowjetischen Zone gab es dagegen alles andere als Verbrüderung. Es herrschten Repression und Willkürakte gegenüber der Zivilbevölkerung. Frauen versteckten sich wochenlang aus Angst vor Übergriffen. Unzählige wurden Opfer von Massenvergewaltigungen. Im ersten Kontrollabkommen vom 4. Juli 1945 zwischen den USA, der UdSSR, Großbritannien und Frankreich wurde die Aufteilung der vier Besatzungszonen für Österreich beschlossen und eine Alliierte Kommission eingerichtet. Die Potsdamer Drei-Mächte-Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945 betraf auch Österreich und sah Entschädigungsleistungen für „deutsches Eigentum“ vor. Die Sowjets übernahmen mit der Bezeichnung „USIA“ unter ihrer Verwaltung stehende Großbetriebe in ihrer Zone, die sie beschlagnahmten.

Die sowjetische Besatzungszone umfasste Niederösterreich, das Burgenland, Wiener Randgemeinden und Oberösterreich nördlich der Donau und östlich der Enns. Das sowjetische Oberkommando war in Baden bei Wien stationiert. Die US-Besatzungszone bestand aus Oberösterreich südlich der Donau und westlich der Enns, Salzburg und dem steirischen Salzkammergut, die britische aus der übrigen Steiermark, Kärnten und Osttirol sowie die französische aus Nordtirol und Vorarlberg. Wien wurde mit Ausnahme der ersten Bezirks als internationaler Sektor in vier Zonen geteilt. Die Bezeichnung „Die Vier im Jeep“ wurde zum Symbol des besetzten Landes und seiner Hauptstadt.

Mit der Anerkennung der Regierung Renner durch die vier Alliierten im Oktober 1945 war die Gesamtstaatlichkeit Österreichs über die Zonengrenzen vorerst gesichert. Tirols Landeshauptmann Karl Gruber hatte die westlichen Länder in Wien vertreten und eine ausgewogenere Regierungsbildung erreicht. Um die Demarkationslinien zwischen den Besatzungszonen zu überschreiten, war ein von den Alliierten ausgestellter Identitätsausweis notwendig, der in vier Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch) ausgefertigt war und Bestätigungsvermerke jeder der vier Besatzungsmächte erforderlich machte.

Ab 1950 wurden die Militär- schrittweise in Zivilverwaltungen überführt. Es genügte das Veto einer Besatzungsmacht im Alliierten Rat, um eine gesetzliche Bestimmung zu Fall zu bringen. Wahlplakate der Parteien konnten jederzeit von der alliierten Zensur beanstandet, überklebt oder zensuriert werden. Später einigte man sich darauf, dass ein Veto nur in Kraft tritt, wenn alle vier Mächte es gemeinsam einlegten. Für die Kosten der zu Beginn Hunderttausende Mann umfassenden Besatzungstruppen, die später dann schrittweise auf rund 50.000 Mann reduziert wurden, musste Österreich aufkommen. 1954 belief sich das sowjetische Kontingent noch auf 36.000 Mann, das amerikanische auf 15.000, das britische auf 2800, während das französische nur noch 540, davon 150 Gendarmen aufwies. Die französischen Militärs waren v. a. in ihrem Wiener Sektor im Einsatz. Kärnten, die Steier­mark, Tirol und Vorarlberg waren praktisch schon besatzungsfre­i, während der Osten mit Wien, Niederösterreich und dem Burgenland noch unter starker militärischer Kontrolle stand. Österreich verdankt­e seine 1955 erlangte Freiheit auch der Kapitulation der Wehrmacht zehn Jahre zuvor.


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