Trotz ständiger Todesnachrichten: Äthiopier träumen weiter von Europa

Grausame IS-Hinrichtungen und tragische Schiffsunglücke im Mittelmeer halten die Menschen in Äthiopien nicht davon ab, sich den Traum von einem besseren Leben zu erfüllen. Die Risiken sind ihnen dabei durchaus bewusst: „Manche schaffen es, andere nicht. Das ist einfach Glückssache.“

Ein Schiff der libyschen Marine im Mittelmeer. (Symbolfoto)
© REUTERS

Von Karim Lebhour, AFP

Addis Abeba – An den Mauern der Häuser in Cherkos hängen die Fotos der „Märtyrer“ - Fotos von Einwohnern des Armenviertels von Addis Abeba, die auf dem Weg nach Europa ums Leben gekommen sind. Immer wieder erreichen die äthiopische Hauptstadt Schreckensnachrichten von Menschen, die ihren Fluchtversuch in ein hoffentlich besseres Leben mit dem Leben bezahlten.

Und trotzdem: Der Traum von Europa ist weiter allgegenwärtig.

„Unsere Situation wird sich nicht ändern“

Besonders die Hinrichtung von mehr als 20 äthiopischen Christen durch die Jihadistenorganisation Islamischer Staat in Libyen im vergangenen Monat hat die Menschen aufgeschreckt. Allein fünf der Opfer kamen aus Cherkos, einem Armenviertel im Herzen von Addis Abeba. Ihr Schicksal ist weiterhin täglich Gesprächsthema. „Wir wollten eigentlich auch schon abhauen“, berichtet ein junger Mann. Er ist etwa 20 Jahre alt und sitzt mit Freunden am Straßenrand. Sie alle haben die Aufnahmen von der grausamen Hinrichtung ihrer Landsleute in Libyen gesehen. „Jetzt warten wir erst einmal ein bisschen ab“, sagt der junge Mann. „Aber nicht zu lange.“

„In ein paar Monaten wird das alles vergessen sein“, sagt der Mann mit Blick auf das weltweite Entsetzen nach der Tat der IS-Kämpfer. „Aber unsere Situation wird sich nicht ändern.“ Die äthiopische Wirtschaft ist zwar eine der am besten florierenden in Afrika und viel ausländisches Kapital fließt ins Land. Aber ohne Qualifikationen haben die jungen Männer nach eigenen Angaben keine Hoffnung auf einen guten Job. Sie könnten vielleicht auf einer Baustelle Arbeit finden - für umgerechnet 2,50 Euro am Tag.

In sehnsuchtsvollem Ton erzählen die Freunde sich immer wieder von den „rund 20“ Flüchtlingen, die sie kennen und die es bis nach Europa geschafft haben - nach Malta, Schweden, Großbritannien oder auch nach Deutschland. „Sie haben ihr eigenes Leben und das ihrer Familien verändert.“

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Tausende Tote schrecken nicht ab

Die Route ins erhoffte Glück ist jedem bekannt: mit dem Bus in den benachbarten Sudan, dann durch die Sahara Richtung Norden bis nach Libyen. Und wer die 3700 Kilometer bis Tripolis geschafft hat, braucht dann „nur“ noch ein Schiff, das ihn über das Mittelmeer nach Italien bringt. Zwischen 2500 und 5000 Euro koste die gesamte Reise, sagen die Männer. Geld, das sie nicht haben.

Doch das sind nur die materiellen Kosten, viele Menschen bezahlen den Traum von einer besseren Zukunft mit ihrem Leben. Allein in den ersten Monaten dieses Jahres kamen im Mittelmeer mehr als 1750 Flüchtlinge ums Leben. Nicht gezählt sind dabei diejenigen, die irgendwo auf dem langen Weg nach Tripolis scheitern oder gar ihr Leben lassen.

Für eines der Opfer der IS-Hinrichtungen in Libyen wird in Cherkos eine Trauerfeier abgehalten. Mit dabei ist ein Freund des getöteten Biruk Kassa. Trotz des Todes seines Freundes träume er immer noch von Europa, sagt Ferek: „Wenn ich das Geld hätte, um die Schmuggler zu bezahlen, würde ich sofort abhauen.“ Die Risiken seien ihm dabei durchaus bewusst, sagt der Marketingstudent. „Manche schaffen es, andere nicht. Das ist einfach Glückssache.“


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