Trostloses Warten im größten Flüchtlingslager Europas

Mineo (APA) - Die Zeit scheint viel langsamer zu gehen im Flüchtlingslager Mineo. Junge schwarze Männer stehen in Gruppen herum, blicken sic...

Mineo (APA) - Die Zeit scheint viel langsamer zu gehen im Flüchtlingslager Mineo. Junge schwarze Männer stehen in Gruppen herum, blicken sich suchend um und warten darauf, dass was passiert. Sie sind froh, dass sie überhaupt noch leben, nachdem sie vor Krieg und Elend geflohen und bei der Fahrt übers Meer alles riskiert haben. Nun folgt das zermürbende Warten, bis sie wissen, ob sie in Italien bleiben dürfen.

3.200 Menschen sind derzeit in dem Camp Mineo im Osten Siziliens untergebracht - es ist das größte Flüchtlingslager Europas. Das Zentrum sieht auf den ersten Blick recht nett aus: In der rasterförmig angelegten Siedlung bestehend aus 404 identischen einstöckiger Häuschen in rosa-orange Tönen lebten bis 2010 die Familien der in der Nähe stationierten US-Soldaten. Nachdem die Amerikaner ihre Basis geschlossen hatten, standen die Gebäude ein Jahr lang leer. Mit Beginn des arabischen Frühlings explodierte der Flüchtlingsstrom von Nordafrika aus über das Mittelmeer, Italien brauchte sämtliche freie Gebäude, um die seitdem fast täglich ankommenden Migranten unterzubringen.

Derzeit sind hier 3.200 Flüchtlinge untergebracht, fast alle junge Männer. Nur 200 Frauen und rund 50 Kinder sind darunter. Die meisten kommen aus Afrika - aus Somalia, Nigeria, Ghana oder Eritrea. Syrer sieht man überhaupt keine. „Die Flüchtlinge aus Syrien sind besser organisiert, sie verschwinden immer nach wenigen Tagen“, erzählt ein Sizilianer, der eine Trafik am Bahnhof von Catania hat.

In den Häfen Siziliens, wo die im Meer aufgegriffenen Flüchtlinge hingebracht werden, werden alle Menschen erstversorgt und fotografiert. Von dort werden sie in Erstaufnahmezentren gebracht, wo ihnen Fingerabdrücke abgenommen werden. Jene, die weiter nach Nordeuropa wollen, verschwinden oft vorher und tauchen unter. Jene die registriert sind, müssen auch hier auf das Ergebnis ihrer Asylgesuchs warten.

Polizisten mit Maschinengewehren stehen vor und in dem Lager von Mineo Wache. Bei so einer großen Zahl von Personen, die nichts zu tun haben, kann es schon zu Rangeleien kommen. Etwa wenn sie sich vor der Mensa zum Essen anstellen, erzählt die stellvertretende Leiterin des Camps, Leucia Varasano. Größere Probleme gebe es aber nicht, beteuert sie. Hilfsorganisationen kritisieren aber, das Lager sei viel zu groß, weshalb es zwangsläufig Probleme gebe.

Lange dauert es vor allem, bis die Flüchtlinge überhaupt erstmals von der Asylkommission angehört werden. Sechs bis acht Monate warten sie auf einen ersten Termin - manchmal auch länger. Die Entscheidung, ob sie politisches Asyl oder eine Aufenthaltsgenehmigung unter den Titeln humanitären oder subsidiären Schutzes erhalten, dauert wieder mehrere Wochen. Im Fall eines negativen Bescheids können die Antragsteller gegen die Entscheidung berufen, dann beginnt das Warten von vorn. Derzeit werden rund 70 Prozent der Anträge positiv entschieden, 30 Prozent negativ.

„Ich warte seit zwei Jahren hier auf eine Entscheidung“, erzählt ein junger Mann aus Ghana mit leerem Blick vor dem Eingang des Lagers. In dem Camp gehe es ihm gut, meint er, aber er hat keine Ahnung wie lange er noch warten muss. Er ist trotzdem froh, dass er es bis nach Europa geschafft hat. Ein anderer junger Afrikaner schwenkt eine italienischen Fahne und schreit: „Italien hat uns das Leben gerettet, sie haben uns aus dem Wasser geholt, wir waren am Sterben, ich liebe Italien!“

Die Betreuer des Lages bemühen sich sichtlich, den Flüchtlingen ihr Warten zu erleichtern. Mit den bescheidenen zur Verfügung stehenden Mittel werden Sprach- und Computerkurse angeboten. Neben der ärztlichen und psychologischen Betreuung der oft traumatisierten Menschen werden Aktivitäten wie Turnstunden, Bastelrunden sowie eine Theatergruppe organisiert. Mit Auftritten der Theatergruppe im Umland versuchen die Sozialarbeiter auch, die Integration der Migranten zu fördern. Erschwert wir das durch die schiere Größe und die Abgeschiedenheit des Lagers.

Die Mitarbeiter der NGO sprechen bewusst von „Gästen“, wenn sie von den Migranten sprechen. Sie können ein und ausgehen, wie sie wollen, nur gibt es nichts zu tun in der Gegend. Das Lager liegt abseits, kilometerweit weg von der nächsten Siedlung mitten in der wunderschönen Landschaft des sizilianischen Hinterlands.

Einfacher ist die Integration in kleineren Aufnahmezentren direkt in den Gemeinden. Hier kommen meist besonders Schutzbedürftige unter - wie unbegleitete Minderjährige oder Frauen mit kleinen Kindern. Bei ihnen kommt die Antwort der Asylbehörde oft auch schneller.

Aber auch wer eine Aufenthaltsgenehmigung hat, muss meist weiter warten. Es gibt keine Arbeit in Sizilien. „Es ist sehr schwierig Unternehmen zu finden, um Flüchtlinge für ein Praktikum aufzunehmen, weil viele Arbeitgeber fürchten, dass die Leute dann schimpfen würden, dass die Immigranten der lokalen Bevölkerung die wenigen vorhandenen Arbeitsplätze wegnehmen“, erzählt die Leiterin eines kleinen Flüchtlingshauses in dem Dörfchen Mascalucia, Angela Marchese.


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