Vea Kaiser 2 - „Es werden immer mehr Freiheiten aufgegeben“

Wien (APA) - Anspielungen auf Mythologie und Götterwelt finden sich erstaunlich wenige in dem Buch der Altgriechisch-Studentin. Dafür sei ih...

Wien (APA) - Anspielungen auf Mythologie und Götterwelt finden sich erstaunlich wenige in dem Buch der Altgriechisch-Studentin. Dafür sei ihre wackere Lektorin verantwortlich, erklärt Kaiser. „Wenn‘s nach mir ginge, hätte ich ja zum Beispiel alle Nymphen vorkommen lassen und den kleinen Nerd in mir mehr rausgelassen.“

Dass „Makarionissi“ (eine ebenso erfundene griechische Insel wie das Bergdorf Varitsi an der griechisch-albanischen Grenze, in dem ihr Buch beginnt) den Untertitel „Die Insel der Seligen“ trägt, beziehe sich dagegen ganz auf die Antike und nicht darauf, dass Papst Paul VI. einmal Österreich so genannt haben soll, beteuert die Autorin. „Das ist offenbar eine Generationenfrage, denn das war für mich ganz neu. Für mich war das immer dieser mythologische Ort, an den die griechischen Helden gelangen, wenn sie sterben - ein Heldenparadies. Lukian hat viel darüber geschrieben.“

Ein intensives Lukian-Seminar hat Vea Kaiser in Zürich absolviert, wo sie eine Zeit lang gelebt hat. Ihr Philologie-Studium, das sie seit 2007 verfolgt, hat sie aber noch nicht abgeschlossen. „Ich darf Sie daran erinnern: Ich bin 26 und habe zwei 500-Seiten-Romane publiziert! Ich erkaufe mir damit ein paar Toleranzsemester, wenn‘s recht ist“, schmollt die junge Frau, die sich 2016 dann aber wirklich auf den Studienabschluss konzentrieren möchte, nachdem es zuletzt mit der Erfüllung der Anwesenheitspflichten auf der Uni etwas schwierig war.

Welcher Beruf ließe sich wohl als Altphilologin ergreifen? Wieder die falsche Frage, protestiert die Autorin und ruiniert sich soeben ihren von einem Stein geschmückten Ring: „Ich hab‘ ja einen Beruf! Wenn ich weiter alle zweieinhalb Jahre ein Buch veröffentliche, können sich vielleicht noch 20 Romane ausgehen... Ich finde das schrecklich kleinkariert: Was willst Du mit Deinem Studium später einmal machen? In keinem Land ist das so schlimm wie bei uns. Das wird man in den USA nie hören. Das Problem unseres Bildungssystems ist, dass im Endeffekt bereits Acht-, Neunjährige über ihren späteren Berufsweg entscheiden müssen. Ich bin viel an Schulen und sage den Schülerinnen und Schülern immer, sie sollen sich zunächst einmal die Freiheit nehmen, alles auszuprobieren, was sie wollen. In der ganzen Gesellschaft registriere ich, dass immer mehr Freiheiten aufgegeben werden. Die muss man sich zurückerkämpfen.“

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Vea Kaiser hat sich selbst die Freiheit genommen, die Möglichkeiten zu ergreifen, die ihr der phänomenale Erfolg ihres Erstlings (125.000 Exemplare verkauft, Übersetzungen ins Tschechische, Niederländische und Französische in Arbeit, eine Verfilmung in Vorbereitung) geboten hat. Lesereisen in zehn Länder und über 100 Städte, gezählte 263 Interviews („Auch für Online-Medien, Schülerzeitungen, Kundenmagazine oder landwirtschaftliche Periodika - da lernt man die ganze Breite der Medienlandschaft kennen.“) und ein Semester als Writer-in-Residence an der Bowling Green State University in Ohio haben ihr kaum Zeit gelassen, in Wien durchzuschnaufen, wo ihre Wohnung, ihr Fahrrad „Herr Nowotny“ und ihr taubes Hündchen Alma warten.

Angenehmer Nebeneffekt der Turbulenzen: Für die berühmte Angst vor dem zweiten Buch hatte Vea Kaiser kaum Zeit. „Ich bin nicht eine Sekunde still gesessen zwischen den beiden Büchern. Nur zwischendurch gab es düstere Momente, etwa als ein angetrunkener Literaturkritiker mir eines Nachts in einer Bar prophezeit hat, dass jetzt alle nur darauf warten, mich fertigzumachen. Aber so schlecht will ich gar nicht von Menschen denken. Außerdem lese ich selber keine Rezensionen, weil ich gemerkt habe, dass es mir nicht gut tut - weder die Verrisse noch die Lobeshymnen. Ich habe mein Bestes gegeben - und sitze eh‘ schon am nächsten Buch. Vielleicht ist das auch ein therapeutisches Akt. Bei den Griechen war es allerdings die Strafe für die schlimmsten Sünder, dass sie immer die gleiche Arbeit verrichten müssen und nicht aufhören können - denken Sie an Sisyphos und seinen Stein, oder an die Danaiden, die in einem löchrigen Gefäß Wasser transportieren mussten.“

Das bereits begonnene dritte Buch von Vea Kaiser „spielt im Norden und Süden von Krems, in Wien-Liesing, auf der gesamten Strecke von Liesing nach Montenegro und in Montenegro. Protagonistinnen sind drei mitsiebzigjährige Damen, eine junge Schriftstellerin, die mit ihrem ersten Roman einen Riesenerfolg hatte und danach nie wieder ein Buch geschrieben hat, weil sie nur noch Affären hatte, und eine Leiche.“

Genug verraten. Der Fotograf, der die junge Autorin für den „Rolling Stone“ ablichten soll, wartet bereits. Und dann werden erneut die Koffer gepackt. Vea Kaiser fliegt nach Teheran und verbringt ausgerechnet die Woche vor Erscheinen ihres zweiten Romans auf der iranischen Buchmesse. „Ich weiß, das klingt ziemlich verrückt. Aber wann bekommt man schon als allein stehende junge Frau die Gelegenheit durch den Iran zu reisen?“ Nur eines macht ihr noch Sorge: Was zieht sie an? Wohl eine berechtigte Frage. „Mein gesamter Kleiderschrank ist mit den Bekleidungsvorschriften der iranischen Sittenpolizei nicht kompatibel.“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Vea Kaiser: „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“, Kiepenheuer & Witsch, 464 S., 20,60 Euro, ab 11. Mai im Handel; Buchpräsentation am 14. Mai, 20 Uhr, im Wiener Rabenhof)


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