Ein Nachmittag der Wahrheit

In „Nur eine Stunde Ruhe“ spielt Christian Clavier wieder den rassistischen Bürger.

© Filmladen

Innsbruck –Nach den Kriterien der Medienjugendkommission, die über die Altersfreigabe von Filmen entscheidet, sollten Filme „für alle Altersstufen“, für die kleinsten Kinogeher also, eine Länge von 90 Minuten nicht überschreiten und den Kindern die Möglichkeit geben, „sich mit dem Inhalt positiv auseinandersetzen zu können und Spaß am Leinwandgeschehen zu haben“. Kein Schimpfwort, keine sexuelle Anspielung darf den Spaß gefährden. So ein Film war auch Philippe de Chauverons „Monsieur Claude und seine Töchter“. Christian Clavier spielte in dieser Komödie einen Notar, der in der Auswahl der Lebenspartner seiner Töchter einen Anlass findet, endlich angestaute rassistische Vorurteile wie Erbrochenes über die Schwiegersöhne (Chinese, Afrikaner, Jude und Muslim) zu schütten. „Monsieur Claude“ wurde 2014 zum europäischen Blockbuster, aber da muss noch mehr gehen, mögen sich die Produzenten von „Nur eine Stunde Ruhe“ gedacht haben und engagierten den Regieroutinier Patrice Leconte, der bereits vier Filme mit Christian Clavier gedreht hat.

In „Nur eine Stunde Ruhe“ gibt Clavier wieder den Bourgeois, der es dieses Mal als ein auf Implantate spezialisierter Zahnarzt zu Wohlstand gebracht hat. Am Samstag sucht Michel Leproux Entspannung und Schnäppchen auf dem Flohmarkt und findet die Jazz-Rarität „Me, Myself and I“. Zu Hause möchte sich Leproux dem Hörgenuss hingeben, doch die Wohnung hat sich in eine Baustelle verwandelt. Ein Installateur, der aus Portugal kommt, sich aber als Pole ausgeben muss, weil neuerdings polnische Handwerker bevorzugt werden, soll das Zimmer des verachteten Sohnes Sébastien (Sébastien Castro) in ein Büro verwandeln. Doch Schremmhammer und Jazz vertragen sich nicht, weshalb der Arbeitskonflikt nach der Zerstörung der Wasserleitung durch eine Überschwemmung gelöst wird. In Unkenntnis der Umbaupläne wollte Sébastien eigentlich eine Flüchtlingsfamilie in seinem Zimmer einquartieren. Angesichts von Rohrbruch und gebrochenen Fremden sagt Leproux boshaft mitfühlend, schließlich ist es eine Komödie, „wie in der Dritten Welt ist das hier“. Aber kaum zittert der Diamant über die erste Rille der Schallplatte, stören schon wieder Ehefrau und Geliebte die Ruhe, denn Nathalie (Carole Bouquet) und ihre beste Freundin Elsa (Valérie Bonneton) haben diesen Samstag als Tag der Wahrheit gewählt, um die Steine, die auf ihren Herzen lasten, auf den Zahnarzt zu schleudern. Die Eröffnung, nicht der Vater von Sébastien zu sein, erleichtert den Betrogenen eher. Für die Komödie ist das eine günstige Gelegenheit, den Globalisierungsgegner als naiven Schmarotzer und Realitätsverweigerer zu denunzieren. Schwerer wiegt Elsas Geständnis, stört es doch die moralische Position auf empfindliche Weise. Die Komödie unterbietet mit einer Dauer von 80 Minuten die jugendfreie Vorgabe. (p. a.)


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