Nie zu spät für Liebeslieder

Es ist kompliziert: „Tocotronic“ durchleben auf ihrem roten Album eine Art zweiter Frühling voll kopflastiger Romantik.

„Tocotronic“ haben in den vergangenen zwanzig Jahren Parolen und Songs für fast jede Lebenslage geliefert. Diesmal ist es Liebe.
© Michael Petersohn

Von Silvana Resch

Innsbruck –Das Album ist unbetitelt, das Cover monochrom, es zeigt das Bild „Das Rote Quadrat“ des russischen Avantgardisten und Begründers des Suprematismus, Kasimir Malewitsch. Die rote Farbfläche, genau vor einhundert Jahren aufgetragen, liefert einen wichtigen Hinweis: Tocotronic legen mit ihrem neuen Werk ein Konzeptalbum über die Liebe vor. Zu ihrem 20-jährigen Bestehen 2012 hatte die Band noch auf „Wie wir leben wollen“ (2012) die etwas müde Bilanz gezogen: „Hey, hey, ich bin jetzt alt/Hey, hey, bald bin ich kalt.“

Auf dem nunmehr elften Studioalbum betrachtet das Quartett der Generation vierzig plus hingegen die Welt durch eine beinah rosarote Brille. Tocotronic gehen zurück an den Start, angespült in einer „toten Küstenstadt“ schließt der Opener „Prolog“ mit dem Versprechen: „Liebe wird das Ereignis sein.“ Freilich fällt diese Auseinandersetzung mit verschiedensten Formen von Liebe subtil und verrätselt aus. Dem Kanon der Pop-Liebeslieder, dem schon Blumfeld im Song „Viel zu früh und immer wieder Liebeslieder“ (1992) nicht auf den Matthias-Reim-Leim gehen wollten, trotzen Toco­tronic nun Songs mit universellem Anspruch ab.

Lieder, die teilweise sogar recht unbeschwert daherkommen, während Sänger und Texter Dirk von Lowtzow so sanft wie möglich Wörter wie „Sexualität“ ins Mikrofon flötet. Viel mehr als knutschen ist in „Die Erwachsenen“ aber nicht drin. Um Teenagerträume und -ängste geht es da und die hier besungenen „Babys“ spucken den Erwachsenen ganz bewusst ins Gesicht. So viel Rebellion muss auf einem roten Album drin sein, der „Rebel Boy“ versucht derweil mit tiefster Stimme beim „Rebel Girl“ einzuchecken: „Ich will keine Punkte sammeln/Gib mir nur ein neues Leben/Ich will keine Treueherzen/Kannst du mir Liebe geben?“

Beinahe brachial klingt der Wunsch nach Verschmelzung indes im Song „Ich öffne mich“. Nach einer „gänzlichen Öffnung“ gelinge vielleicht zu zweit die Flucht aus „den Kerkern der Zeit“ und der „Unsichtbarkeit“. Die einzige Nummer von ingesamt zwölf – der Selbstliebe-Hidden-Track nicht mitgezählt –, dessen Titel aus mehr als zwei Wörtern besteht.

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Auf Slogantaugliches wurde diesmal bewusst verzichtet, die Lyrics wurden von der Band streng redigiert. Wenn schon schwülstig, dann ordentlich, wie etwa im Song „Zucker“: In den Liedzeilen „Darling Candy Parzifal/Trinkst Cherry-Cola/aus dem Gral“ werden Andy Warhols transsexuelle Muse „Candy Darling“ und Wagner zusammengedacht. Veröffentlicht wurde das Album symbolträchtig am 1. Mai, im Song „Solidarität“ wird privat wie politisch Stellung bezogen für Menschen, „die jede Hilfe brauchen“.

Musikalisch geht die Reise großteils ins Großbritannien der 1980er-Jahre zurück, insbesondere New Order lassen da grüßen. In Distanz und Eleganz sind Tocotronic ja durchaus mit manchen Briten verwandt. Elton John gehört trotz rosaroter Brille freilich nicht dazu.


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