Zadie Smith: „Auf Empathie zu setzen, scheint mir zu kurz gegriffen“

Wien (APA) - Im Anschluss an die gestrige Premiere ihres Textes „Die Botschaft von Kambodscha“ im Wiener Jörgerbad fand die britische Autori...

Wien (APA) - Im Anschluss an die gestrige Premiere ihres Textes „Die Botschaft von Kambodscha“ im Wiener Jörgerbad fand die britische Autorin Zadie Smith (39, „Zähne zeigen“, „London NW“ u.a.) Zeit für die Beantwortung einiger Fragen der APA - Austria Presse Agentur.

APA: Frau Smith, gibt es ein Vorbild für die Figur der Fatou in „Die Botschaft von Kambodscha“?

Zadie Smith: Nein, gar nicht. Zwei Wochen, nachdem ich das Buch fertiggestellt hatte, saß ich in einem Café in New York, und eine Serviererin trug ein Namensschild „Fatou“. Ich habe also tatsächlich meine Hauptfigur erst getroffen, nachdem ich das Buch geschrieben habe. (lacht) Es ist niemand Spezieller, ich habe mir nur Gedanken gemacht über die jüngsten Zuwanderer in meiner Nachbarschaft. Ich dachte darüber nach, wie sie wohl leben würden. Aus diesem Blickwinkel habe ich das Buch geschrieben.

APA: Es ist dasselbe Viertel, in dem Sie aufgewachsen sind, und das Sie etwa in „London NW“ beschrieben haben?

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Smith: Genau. Aber es bleibt natürlich nie dasselbe, weil es sich dauernd ändert. Es ziehen ständig neue Leute her. Aber ich habe auch versucht, mir auszumalen, wie es wohl war, als meine Mutter in den 1950ern aus Jamaika gekommen ist.

APA: Hier in Österreich und in Zentraleuropa wird derzeit heftig über Flüchtlingspolitik diskutiert. Großbritannien hat doch eine starke, lange Tradition, Zuwanderer aufzunehmen und zu integrieren?

Smith: Es gibt dennoch die gleichen Debatten. Die Leute sind sehr ängstlich und können nicht verstehen, was los ist. Die Emigrations- und Integrationsgeschichte eines Landes hilft in so einer Situation nicht viel. Die Leute, die in großen Massen über das Meer kommen, leiden und sterben. Es gibt täglich neue Tragödien. Es muss darüber gesprochen werden.

APA: Sie thematisieren auch die Frage der modernen Sklaverei, die inmitten einer zivilisierten Gesellschaft stattfindet.

Smith: Das hat sich in Großbritannien durch ein neues Gesetz, das dem Arbeitgeber bei der Frage der Arbeitsbewilligung eine starke Stellung einräumt, nochmals verschärft. Das wurde und wird auch oft missbraucht. Beim Schreiben habe ich viel über die Grenzen und Möglichkeiten von Kunst in Zusammenhang mit diesen Themen nachgedacht. Denn man ist dabei immer versucht, vor allem eine Atmosphäre des Einfühlens und Verstehens zu kreieren, um damit das Verhalten der Menschen zu ändern. Das muss aber in einen rechtlichen Rahmen gehoben werden, um wirklich etwas zu ändern. Auf Mitleid, Barmherzigkeit, Sympathie oder Empathie zu setzen, scheint mir zu kurz gegriffen. Deshalb wollte ich eine Hauptfigur, die nicht unbedingt verstanden werden möchte oder Mitleid erregen will. Sie will so etwas wie angewandte Gerechtigkeit.

APA: „Die Botschaft von Kambodscha“ ist kein Roman, aber eigentlich auch keine Short Story. Haben Sie je daran gedacht, dass Sie diesem Text in einem Theaterambiente, oder wie hier sogar im Schwimmbad, begegnen könnten?

Smith: (lacht) Nein, niemals. Ich habe viel Kafka gelesen. Die spezifische Form oder Länge eines Textes war für ihn komplett unwichtig. Er hat sich ganz freigemacht von Zwängen des Marktes. Daran habe ich beim Schreiben gedacht - einfach schreiben und nicht an das Später denken!

APA: Der Anruf aus Wien kam überraschend.

Smith: Absolut. Ich hatte auch keine Ahnung, was die Leute, die dieses Projekt vorschlugen, vorher sonst so gemacht haben. Es ist jetzt für mich fast surreal, unglaublich, wunderbar. Ich feiere ja im Herbst meinen 40. Geburtstag. Es ist wie ein wunderbares, frühes Geburtstagsgeschenk.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - „Die Botschaft von Kambodscha“ von Zadie Smith, Regie: Jacqueline Kornmüller, Musik: Die Strottern, Mit Mimi Grünwald, David Jarju, Yoshi Maruoka und Peter Wolf, Jörgerbad, Wien 17, Jörgerstraße 42-44, Weitere Vorstellungen: 10., 17., 24., 31. Mai, 7., 14., 28., Juni, 19.30 Uhr; www.wennessoweitist.com; Buch: „Die Botschaft von Kambodscha / The Embassy of Cambodia“, zweisprachige Ausgabe, Aus dem Englischen von Tanja Handels, Kiepenheuer & Witsch, 128 S., 8,30 Euro)


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