Abschied von Bartoszewski - Polens Ex-Außenminister beerdigt

Warschau/Wien (APA/dpa/AFP/KAP) - Polen hat am Montag einen bewegenden Abschied von dem ehemaligen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski geno...

Warschau/Wien (APA/dpa/AFP/KAP) - Polen hat am Montag einen bewegenden Abschied von dem ehemaligen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski genommen. Der Politiker, ehemalige Bürgerrechtler und einstige Auschwitz-Häftling erhielt ein Staatsbegräbnis auf dem Warschauer Militärfriedhof. Bartoszewski, der zwischen 1990 und 1995 Polens Botschafter in Österreich war, war am 24. April im Alter von 93 Jahren verstorben.

Bartoszewski war ein Wegbereiter der deutsch-polnischen Aussöhnung. Zur Trauermesse in der Kathedrale reiste daher auch Deutschlands Bundespräsident Joachim Gauck nach Warschau. Gauck verneigte sich vor dem mit der weiß-roten polnischen Fahne bedeckten Sarg. Bartoszewski sei der „wohl bedeutendste Brückenbauer“ bei der Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen gewesen, sagte der Bundespräsident in seiner Ansprache bei der Trauermesse.

„Als Deutsche nehmen wir Abschied von einem Menschen, der uns die Hand gereicht hat, als das in beiden Völkern noch auf starke Vorbehalte stieß“, sagte Gauck über den ehemaligen Auschwitz- Häftling, der sich jahrelang für deutsch-polnische Aussöhnung engagiert hatte. „Wir nehmen Abschied von einem Freund, dessen Nähe zu uns ein unverdientes Geschenk war und ist, für das wir unendlich dankbar sind.“

Österreich war durch Bundesratspräsidentin Sonja Zwazl vertreten. Sie würdigte den Verstorbenen als „eine Persönlichkeit, vor der wir uns alle verneigen“. Bartoszewski sei „trotz des eigenen Erlebens von Gräueltaten ein Botschafter der Versöhnung und gegenseitigen Wertschätzung“ gewesen, „eine Persönlichkeit, die zu Österreich politisch tiefe Beziehungen hatte.“

Auch andere Trauergäste würdigten Bartoszewski als Versöhner, moralische Autorität und ungebrochenen Streiter für Bürgerrechte und Freiheit. „Er war zu 100 Prozent anständig“, sagte EU-Ratspräsident Donald Tusk. Bartoszewski habe stets betont, dass man sich „nicht brechen lassen und nicht nach Rache suchen“ dürfe, erinnerte die polnische Regierungschefin Ewa Kopacz.

Staatschef Bronislaw Komorowski nannte Bartoszewski, der bis zu seinem Tod Berater der polnischen Regierung für internationalen Dialog war, eine moralische Autorität. Komorowski verabschiedete sich mit persönlichen Worten von dem Mann, mit dem er im Internierungslager während des Kriegsrechts Freundschaft geschlossen hatte: „Wladek (Kurzform für Wladyslaw), du hattest den Mut und die Vernunft zu sagen, dass es sich lohnt, anständig zu sein - und du hast das mit deinem ganzen Leben bezeugt.“

Trotz Nieselregens harrten hunderte Warschauer vor der Kathedrale und auf dem Warschauer Schlossplatz aus, um ebenfalls Abschied von Bartoszewski zu nehmen. Als der Sarg aus der Kathedrale getragen wurde, gab es minutenlangen Beifall als letztes Geleit für den Toten.

Eine große Menschenmenge wartete auch auf dem Warschauer Militärfriedhof Powazki. Zahlreiche Menschen legten nach der offiziellen Beisetzung Blumen und Kerzen nieder. „Die Welt ist für uns grauer geworden“, sagte der ehemalige Auschwitz-Häftling, Historiker und Publizist Marian Turski.

Bartoszewski, geboren 1922, war 1939 bis 1940 im KZ Auschwitz interniert. Er arbeitete im polnischen Widerstand als Journalist, studierte an der im Untergrund organisierten Warschauer Universität und half im Warschauer Ghetto zusammengepferchten Juden, auch beim Aufstand von 1943. Im Folgejahr nahm er am ebenfalls scheiternden polnischen Aufstand gegen Wehrmacht und SS teil.

Zwei Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes wurde der katholische Publizist von den Kommunisten als angeblicher Spion für fünf Jahre ins Gefängnis gesteckt. Nach dem Tod Stalins wurde er zwar rehabilitiert, allerdings immer wieder von universitärer Tätigkeit gesperrt und mit Veröffentlichungsverbot belegt.

Als Polen Ende 1981 das Kriegsrecht verhängte, landete das Solidarnosc-Mitglied Bartoszewski im Gefängnis, wurde aber bald wieder freigelassen und ging nach Deutschland, wo er eine Dozentenstelle erhielt. 1989 startete Bartoszewski eine zweite, politische Karriere in Warschau. Er wurde erster Botschafter des demokratischen Polen in Österreich sowie zweimal Außenminister.

Bartoszewski wurde nicht nur in seiner Heimat zu einer moralischen Instanz. So warnte er nach der russischen Okkupation der Krim 2014 Frankreich und Deutschland in einem Appell „Von Danzig nach Donezk“ vor einer Appeasement-Politik gegenüber dem „aggressiven Staat Russland“.


Kommentieren