Schweizer Innovations-Erfolgsgeheimnis: „Keine Innovationspolitik“ 1

Bern (APA) - Die Schweiz gilt als führendes Innovationsland. Warum? „Weil sie keine Innovationspolitik hat“, sagte der Schweizer Staatssekre...

Bern (APA) - Die Schweiz gilt als führendes Innovationsland. Warum? „Weil sie keine Innovationspolitik hat“, sagte der Schweizer Staatssekretär für Bildung, Forschung und Innovation, Mauro Dell‘Ambrogio, am Montag beim Besuch einer österreichischen Delegation in Bern. Zudem setzt man auf Multikulturalität sowie Wettbewerb um Mittel und zwischen Einrichtungen. Und Föderalismus muss nicht unbedingt negativ sein.

Selbstverständlich sind für Dell‘Ambrogio auch eine gute Bildungspolitik und gute Forschung Elemente, die zur Innovationsfähigkeit der Schweiz beitragen, „aber nur Elemente unter anderen“. Auch Rahmenbedingungen wie Infrastruktur-, Steuer- und Arbeitsmarktpolitik würden dazu beitragen, „dass wir innovationsfördernd sind“, so der Staatssekretär vor der vom österreichischen Rat für Forschung und Technologieentwicklung (RFT) geleiteten Delegation.

Eine „nicht formulierte Doktrin“ sei auch die Multikulturalität im Wissenschafts- und Forschungsbereich, verweist der Staatssekretär etwa auf die mehr als 50 Prozent Professoren an den Schweizer Unis, die aus dem Ausland kämen. Dieses offene System würde man „seit 150 Jahren kultivieren“, denn das ziehe Talente an.

Rund 18 Mrd. Franken (knapp 15 Mrd. Euro zum damaligen Kurs) wurden 2012 in der Schweiz in Forschung und Entwicklung (F&E) investiert, in Österreich waren es im selben Jahr neun Mrd. Euro. Die Schweiz gab damit rund drei Prozent ihres BIP für F&E aus, Österreich 2,9 Prozent. Dabei gibt es aber eklatante Unterschiede in der Ausgabenstruktur: Während in der Eidgenossenschaft 2012 60 Prozent der F&E-Ausgaben von privaten Unternehmen kamen und 25 Prozent von der öffentlichen Hand, entfielen in Österreich je 44 Prozent auf die beiden Bereiche.

Als noch föderalistischer geprägtes Land als Österreich vermittelt Dell‘Ambrogio ein Bild einer sehr unreglementierten Wissenschafts- und Forschungspolitik der Schweiz: So gibt es nur ein sehr allgemeines Hochschulrahmengesetz, „wir steuern mit Geld“, betonte er. Konkret wendet der Bund für Hochschulen und Forschung derzeit 6,5 Mrd. Franken (6,2 Mrd. Euro) pro Jahr auf, hat laut Dell‘Ambrogio aber nur in der Forschung das Sagen, bei den Hochschulen dagegen nur komplementäre Aufgaben.

Von den 6,5 Mrd. Franken gehen 2,4 Mrd. Franken in die beiden einzigen bundeseigenen Universitäten: die Eidgenössischen Technischen Hochschulen Zürich (ETHZ) und Lausanne (EPFL). Weitere 2,5 Mrd. Franken fließen als Subvention für Berufsausbildung, Universitäten und Fachhochschulen an die Kantone. Die Unis erhalten vom Bund 1,3 Mrd. Franken, wobei rund zwei Drittel davon nach Indikatoren für die Lehre vergeben werden, rund ein Drittel für die Forschung.

Nur zehn der 26 Kantone haben eine Universität - womit die Schweiz nur halb so viele Unis hat wie Österreich (21). Dieses kantonale Universitätssystem sei historisch und Bottom-up gewachsen, betonte Dell‘Ambrogio.

Die Kantone mit eigenen Unis finanzieren diese nur rund zur Hälfte selbst. Ein großer Teil der Aufwendungen kommt von Ausgleichszahlungen anderer Kantone für das Studium ihrer Bürger im anderen Kanton. Zudem gibt es umso mehr Bundessubvention, je mehr Drittmittel und Studenten eine Universität anzieht. Schließlich kommen noch die kompetitiv vom Bund vergebenen Forschungsgelder dazu - in Summe sind das 1,5 Mrd. Franken. Durch diese Mittelvergabe entstehe interner Wettbewerb. „Das System ist zwar zu 99 Prozent öffentlich, aber es funktioniert durch den Wettbewerb ähnlich wie ein privates Hochschulsystem“, sagte Dell‘Ambrogio.

Diese positive Bewertung des Wettbewerbs, die sich etwa im hohen Anteil der kompetitiven Mittel zeige, sieht auch Marianne Hilf, Professorin für Strafrecht an der Universität Bern und Mitglied des österreichischen Forschungsrat, als beispielhaft für Österreich. Gefallen findet sie auch am „politischen Pragmatismus“. „Es geht weniger um Geld, Macht und Einfluss, sondern um die Sache - entsprechend werden Kompetenzen nach sachlichen Aspekten geordnet“, so die österreichische Juristin, die seit 2010 in der Schweiz arbeitet.


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