„Wer nichts weiß, muss alles glauben“

Gedenkveranstaltung zur Mauthausen-Befreiung: Absage an das Vergessen, Appell gegen Rassismus.

Christine Nöstlinger wusste schon als Kind in der Nazizeit, was ein Konzentrationslager war.Foto: Parlament/Zinner

Von Wolfgang Sablatnig

Wien –Die Schriftstellerin Christine Nöstlinger war erst acht Jahre alt, als US-Soldaten am 5. Mai 1945 das Konzentrationslager Mauthausen in Oberösterreich befreiten. Gewusst habe sie aber davon – nicht von Mauthausen direkt, aber den Ausdruck „KZ“ habe sie gekannt, erzählt sie. Als Drohung, als Ort, wo Juden „durch den Rauchfang gehen“ – so wie der Herr Fischl, der in ihrer Gasse eine Schusterwerkstatt betrieben hatte.

Die Kinderbuchautorin hielt gestern die Rede bei der Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Parlament. Nöstlinger schilderte, was sie als Kind von der Vernichtung der Juden mitbekommen hatte und wie sie danach in einem Land groß wurde, „in dem Rassismus keineswegs bloß eine schlimmer Erinnerung war, sondern nach wie vor Gesinnung sehr vieler, tradiert vor allem in den Familien“.

Als Mittel gegen den Rassismus von heute empfahl sie die Bildung als das „einzige brauchbare Mittel zur Aufweichung von hart verkrusteten rassistischen Vorurteilen in der hiesigen Mehrheitsbevölkerung. Denn: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Auch den größten Unsinn und die schamlosesten Verdrehungen.“

Der „heutige Rassismus“ trägt für Nöstlinger ein anderes „Mäntelchen“ als früher. Nicht mehr die „Herrenrasse“ sei der Kern, sondern die Angst vor Überfremdung. Wer so spreche, werde noch nicht selbst zum Täter, bilde aber den „Nährboden, aus dem Gewalt wächst“.

Suzanne-Lucienne Rabinovici, Lucia Heilman, Ari Rath und Rudolf Gelbard haben den Rassismus von damals erlebt. Sie waren im KZ oder mussten fliehen, sie haben viele Verwandte verloren. Sie und ihre Lebens- und Leidensgeschichten waren im Burgtheater in den vergangenen zwei Jahren Gegenstand der Produktion „Die letzten Zeugen“. Gestern saßen sie im Parlament, während Schauspieler aus ihren Erinnerungen lasen.

Dann trat Rabinovici ans Rednerpult: „Wir sind alt geworden. Seid von nun an Zeugen unserer Erinnerung. Übernehmt unseren Kampf.“ Und das offizielle Österreich erhob sich von den Sitzen und applaudierte anerkennend.


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