Erhobener Zeigefinger setzt keine Bewegungsmuffel in Trab

Wien (APA) - Ein erhobener Zeigefinger ist kein taugliches Mittel, um einen Bewegungsmuffel zum Sporteln zu motivieren, sondern fördert psyc...

Wien (APA) - Ein erhobener Zeigefinger ist kein taugliches Mittel, um einen Bewegungsmuffel zum Sporteln zu motivieren, sondern fördert psychische Widerstände. Darauf wies der Gesundheitspsychologe Romeo Bissuti am Dienstag in Wien bei einer Veranstaltung von Wiener Städtischer und ASKÖ hin, bei der es um sportliche Aktivität, Bewegung und gesundheitsorientiertes Verhalten der Österreicher ging.

150 Minuten Bewegung pro Woche werden von Experten empfohlen. Dass ein gewisses Maß an Fitness das Wohlbefinden fördert, gehört vermutlich zum Allgemeinwissen. Zwischen diesem Wissen und dem Handeln besteht jedoch häufig eine Diskrepanz, eine „Umsetzungslücke“. Um diese zu verringern oder zu schließen, bedarf es positiver Motivation unter Berücksichtigung sozialer und geschlechtsspezifischer Aspekte.

Frauen seien anders in Bewegung zu bringen als Männer, sagte der Psychologe. Ansatzpunkt ist die jeweilige Vorstellung, wie Mann und Frau zu sein hat: hart, stark, cool, ein „ganzer Kerl“ versus gut aussehend und schlank. Bei Frauen sei der Vorsorgegedanke stärker ausgeprägt, sagte Bissuti, Männer setzen auf die Bewältigung von Risiken und nehmen Schrammen in Kauf. Bei Burschen ortet der Psychologe eine zunehmende Beeinflussung durch Schönheitsideale, die ins Fitnessstudio führen und gelegentlich eine bedenkliche Tendenz aufweisen: „Manchmal wollen schon 13-, 14-Jährige aussehen wie Arnold Schwarzenegger und werfen sich Pillen ein.“

Ein gewisses Problembewusstsein im Sinn einer Lebensstiländerung müsse geschaffen werden, meinte Bissuti. Die Motivation, Gesundheitsangebote zu nutzen, müsse aber auf jeden Fall selbstbestimmt sein. „Die Selbstbestimmung des Menschen ist ein unheimlich hoher Wert“, sagte der Psychologe und warnte vor einer Stigmatisierung von Bewegungsmuffeln. In diesem Sinn äußerte sich auch Hermann Fried, Landesdirektor der Wiener Städtischen Versicherung. Er ist gegen unterschiedliche Krankenversicherungsprämien für sportliche Menschen und Bewegungsmuffel. „Ich halte das Auseinanderdividieren der Gesellschaft nicht für sinnvoll“, sagte Fried. Außerdem bedeute sportliche Betätigung eines Kunden nicht zwangsläufig geringere Kosten für eine Versicherung. Die höchsten Krankenversicherungskosten - 80 Prozent - entstünden nämlich im letzten Monat des Lebens, erläuterte Fried.

Ein gemeinsames Projekt von Wiener Städtische und ASKÖ in Sachen Bewegung ist mittlerweile 30 Jahre alt: die sogenannten Langsam-Lauf-Treffs, bei denen Versagensängste von Anfängern ernst genommen anstatt belächelt werden. Sechs Millionen Laufstunden wurden bisher absolviert.


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