Wochenendausflüge an den Höllenrand

Klug: Jens Raschkes Kinderstück „Was das Nashorn sah“ als österreichische Erstaufführung im „K2“.

© TLT/Larl

Innsbruck –Das Eingangstor des Konzentrationslagers Buchenwald zierte der zynische Spruch „Jedem das Seine“. Und unweit dieses Tores ließ Lagerkommandant Karl Koch im Frühjahr 1938 mit dem erklärten Ziel, SS-Angehörigen und deren Familien „in ihrer Freizeit Zerstreuung und Unterhaltung zu bieten“, einen Zoo anlegen. Beliebt war der kleine Tiergarten – er beherbergte einige Bären, Affen und kurzzeitig wohl auch ein Rhinozeros – freilich auch bei den Bewohnern der keine zehn Kilometer von Buchenwald entfernten Stadt Weimar. Letztlich handelt Jens Rascheks 2014 mit dem Deutschen Kindertheaterpreis ausgezeichnetes Stück „Was das Nashorn sah, als es auf die anderer Seite des Zauns schaute“ davon: von Wochenendausflügen an den Rand der Hölle – und dem Umstand, dass die Wochenendausflügler das mörderische Treiben jenseits des Stacheldrahts offensichtlich kaum zur Kenntnis nahmen.

Gebrochen und dramaturgisch zugespitzt wird Raschkes unaufdringlich vielschichtiger Text, der am Dienstag in einer eindrücklichen Inszenierung von Verena Schopper im „K2“ in den Kammerspielen zur Österreichische Erstaufführung kam, dadurch, dass es hier die Zoobewohner sind, die das Spannungsfeld von bewusstem Wegsehen und gefährlichem Hinsehen verhandeln.

Es gibt solche, die sich wie Papa Pavian (ein furioser Jan-Hinnerk Arnke, der wie alle Darsteller gleich mehrere Rollen spielte) mit dem Schrecken nebenan arrangiert haben, andere – das Murmeltiermädchen (Lisa Hörtnagl) zum Beispiel – beruhigen sich durch mehrmonatigen Winterschlaf oder ergehen sich in extravagantem Eskapismus (famos frankophil: Stefan Riedl und Falk Seifert). Neuankömmlinge, das titelgebende Nashorn (Hörtnagl) zum Beispiel oder der jungen Bär (Seifert), können sich mit dem wenig beruhigenden Motto „Mit der Zeit gewöhnt man sich an alles“ allerdings kaum anfreunden. Sie fragen nach dem Schicksal der „menschlichen Zebras“ auf der anderen Seite des Zauns – mit dramatischen Folgen.

Mitreißend gespielt, klug auf engstem Raum in Szene gesetzt (Bühne und Kostüm: Iris Jäger): „Was das Nashorn sah“ ist großartiges Jugendtheater (ab 10 Jahren), das die unverzichtbare Auseinandersetzung mit einem historisch gewichtigem Thema nicht scheut, ohne sich dabei in pathetischer Betroffenheit oder wohlfeiler Belehrung zu verlieren – eine vorbehaltlose Empfehlung. (jole)

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