Antike Formen, gegenwärtiger Ton

Der Innsbrucker Dichter Christoph W. Bauer wird mit dem diesjährigen Landespreis für Kunst in Höhe von 14.000 Euro ausgezeichnet.

© Thomas Böhm / TT

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Von allen Spielarten der Literatur ist die Lyrik fraglos die gefährdetste. Naheliegendster Grund für diese Bedrohung ist – ebenso fraglos – ein ökonomischer. Gedichtbände verkaufen sich schlechter als Romane. Für Gedichte lässt sich nur schwer die Werbetrommel rühren – und selbst wohlwollende Rezensenten wissen: Im Umgang mit Lyrik droht permanente Schwafelgefahr. Womit sich die Dimension des Problems beträchtlich erweitert. Denn auch wenn die Verse eines Gedichts betont welthaltig, ungemein anschaulich und unzweifelhaft konkret daherkommen: Gedichte sind in Form gebrachte Absagen an das allzu Eindeutige. Kurzum: Lyrik macht es Leserinnen und Lesern nicht einfach. Darin liegen Reiz und Bedeutung von Lyrik. Dort freilich lauert auch die Gefahr, denn zur vergnüglichen Feierabendverlustierung taugt getaktete Sprachkunst nur bedingt.

Deshalb kann es nicht genug gewertschätzt werden, wenn öffentlichkeitswirksame Auszeichnungen Lyrik und deren Verfasser regelmäßig ins Rampenlicht holen. Deshalb ist es eine ebenso richtige wie wichtige Entscheidung, dass Christoph W. Bauer gestern im Rahmen der Regierungssitzung auf Antrag von Kulturlandesrätin Beate Palfrader (VP) der mit 14.000 Euro dotierte Landespreis für Kunst zugesprochen wurde. Denn obwohl Bauer zuletzt auch als bemerkenswert vielschichtiger Erzähler („In einer Bar unter dem Meer“, 2013) und Romancier („Im Alphabet der Häuser“, 2008) in Erscheinung getreten ist, der 46-Jährige ist zunächst einmal Dichter. Und was für einer: Scheinbar mühelos schlägt der 1968 in Kolbniz/Kärnten geborene, in Lienz und Kirchberg aufgewachsene und seit Jahren in Innsbruck lebende Bauer den Bogen zwischen antiken Formen und ganz gegenwärtigem Ton, erforscht das Erhabene und besingt das Beiläufige. Die gängigen Gesten des Großdichters und Sprachschamanen sind Bauer indessen fremd, vielmehr ist er ein leiser Vertreter seiner Zunft, kein Erklärer, sondern ein Fragensteller, ein Weiter- und mitunter Um-die-Ecke-Denker.

Vor allem aber ist Bauer – und das ist im Literaturzirkus der Gegenwart ein Beinahe-Skandalon – ein erfrischend uneitler Wortkünstler, der sich intensiv mit den Werken anderer Autoren beschäftigt. Deshalb scheint es an dieser Stelle durchaus angebracht, darauf zu verweisen, dass Christoph W. Bauer den höchstdotierten Kulturpreis des Landes nicht nur als – in den Worten von Landesrätin Palfrader – „im ganzen deutschen Sprachraum erstaunlich präsenter Schriftsteller“ und Verfasser „lebendig pulsierender Verse“ erhält, sondern auch für seinen Einsatz als „in Tirol hochgeschätzter Literaturvermittler“.


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