Nach tödlichem Kuhangriff: Mit Sicherheit auf die Alm

Nach dem tödlichen Angriff einer Kuhherde auf eine Wanderin im Vorjahr kommt jetzt eine Versicherung für Almbauern. Die Infokampagne der Landwirtschaftskammer geht weiter.

© LK/Schießling

Von Marco Witting

Innsbruck –Versichern, gegen das Unwahrscheinliche, das Undenkbare, gegen eine Tragödie, vielleicht auch gegen die Vollkaskomentalität. Wenn in den kommenden Tagen und Wochen die Almsaison in Tirol beginnt, dann können sich die Bauern gegen Angriffe ihrer Kühe auf Wanderer versichern. Nach der tödlichen Kuh-Attacke im Pinnistal im vergangenen Sommer haben Landwirtschaftskammer und Almwirtschaftsverein reagiert und bieten ihren Mitgliedern eine Haftpflichtversicherung an. Das soll die Unsicherheit unter den Almbewirtschaftern, die seit dem Vorjahr herrscht, beseitigen. Auch eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes lässt die Bauern aufatmen.

Tirol folgt damit dem Modell Kärntens einer Versicherung für Einzel- und Gemeinschaftsalmen. Für sechs Euro pro Jahr können sich die Almbesitzer damit absichern. Für Funktionäre einer Gemeinschaftsalm gibt es zudem eine Rechtsschutzversicherung. „Wir haben das Modell schon 2012 besprochen, damals wurde uns aber gesagt, dass die Landwirte ohnehin abgesichert sind“, sagt Josef Lanzinger, Obmann des Tiroler Almwirtschaftsvereins. Nach dem tödlichen Angriff vom Vorjahr wurde die Sache aber wieder akut – und man setzt das Modell aus Kärnten nun mit einem Versicherungsmakler um. „In Kärnten hat sich das Modell bewährt. Angriffe von Kühen auf Menschen sind ganz selten, eher geht es um Sachschäden an Autos“, sagt Lanzinger. Rückenwind erhalten die Almbauern auch von einem Gerichtsurteil. Das OGH-Urteil zu einem Fall in Kärnten sagt klar, dass Warnschilder vor einer Alm mit Mutterkühen ausreichen, um die Wanderer auf die Gefahren im Umgang mit Kühen hinzuweisen. 2010 war eine Wanderin – sie war mit ihren Hunden unterwegs gewesen – in Kärnten angegriffen worden. Die Frau hatte argumentiert, dass ein Zaun zwischen Kühen und Wanderwegen vonnöten gewesen wäre und war auch der Ansicht, dass auf „Lebensgefahr“ hinzuweisen sei. Das sah der Oberste Gerichtshof nicht so. Ein Einzäunen der Tiere auf den Almen steht für Landwirtschaftskammerpräsident Josef Hechenberger erst gar nicht zur Debatte. Das sei nicht möglich. Auch solle nicht der Eindruck erweckt werden, dass es besonders gefährlich sei, sich auf Almen zu bewegen. „Im Vergleich zu dem, was Wanderer unterwegs sind und wie viele Tiere auf den Almen sind, passiert sehr, sehr wenig.“ Aber: Kühe seien eben keine Kuscheltiere, die Alm kein Streichelzoo – wie es auch auf Info-Foldern für Wanderer in mehreren Sprachen heißt. „Wir haben den Winter über diskutiert, was wir tun können, damit sich solche tragischen Ereignisse nicht wiederholen“, sagt der Landwirtschaftskammerpräsident. Das fehlende Wissen um das Verhalten von Weidetieren stelle nach wie vor das größte Problem dar. Neben den Foldern (die über die Tourismuswirtschaft verteilt werden), entwickelte man gemeinsam mit dem Alpenverein auch neue Warnschilder. „Die Sorgfaltspflicht ist mit diesen Schildern erfüllt“, erklärt Alpenvereinspräsident Andreas Ermacora, im Zivilberuf bekanntlich Anwalt. Dabei brauche es aber „nicht hinter jeder Kurve einen Schilderwald“, wie Hechenberger es formulierte. Und Ermacora, der in der Zusammenarbeit ein österreichweites Vorzeigeprojekt sieht, ergänzt: „Ein bisschen an Eigenverantwortung brauchen wir bei den Wanderern natürlich auch noch.“

3000 dieser Schilder wurden gestanzt, sie können bei den Bezirkslandwirtschaftskammern gekauft werden. Die Seilbahnwirtschaft beteiligt sich ebenfalls daran. „Die Bauern sind jedenfalls froh um diese Initiative und das Versicherungsmodell“, sagt Lanzinger. Rund 2100 Almen gibt es derzeit in Tirol. Man wolle diese erhalten und bewirtschaften, wie der Obmann erklärte.

„Wir glauben, dass wir mit diesen Maßnahmen alles in unseren Möglichkeiten Stehende getan haben, um weitere Tragödien, so gut es geht, zu verhindern“, sagte Hechenberger. Dass etwas passiert, könne man nie ausschließen. Es sei in keinster Weise Grund zur Panik angebracht.

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