Krank durch dick und dünn: Vom Verlust des Körpergefühls

Diäten sind schädlich, warnen die Initiatoren am heutigen Anti-Diät-Tag. Aber längst geht der Kilo-Kampf auch in die andere Richtung: Laut WHO nimmt die Fettleibigkeit zu.

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Von Deborah Darnhofer und Theresa Mair

Innsbruck – „Iss was Gscheit’s“: Dieser Ausspruch eines österreichischen Lebensmittelkonzerns liegt vielen in den Ohren. „Wir wissen, wir sollten bewusst essen. Aber wir wissen nicht, wie wir das tatsächlich tun sollen“, sagt Lisa Tomaschek, Psychotherapeutin und Leiterin des Instituts „So What“. Dabei handelt es sich um eine Anlaufstelle für Menschen mit Essstörungen. Essen, ein natürliches Bedürfnis eines jeden Menschen, macht gewichtige Probleme. Zu viel oder zu wenig: Die Lebensmittelmengen halten sich nicht mehr die Waage.

Der heutige Anti-Diät-Tag macht auf die „Sinnlosigkeit und Schädlichkeit“ von Hungerkuren aufmerksam und davon gibt es mittlerweile unzählige. Kein Mensch würde sich bei der Vielzahl an Hungerkuren zurechtfinden und ist „total verunsichert“, sagt Christine Pall, Vizepräsidentin der österreichischen Diätologen und Leiterin der Landesstelle Tirol. Diäten können zudem die Gesundheit gefährden, wenn sie nicht von einem Arzt oder Diätologen begleitet werden. Denn die allermeisten Hungerkuren seien laut Pall zu einseitig und lösen ohne Aufsicht möglicherweise Essstörungen aus. Die 45-jährige Psychotherapeutin Tomaschek bezeichnet Diäten gar als „Einstiegsdroge der Magersucht“.

Hinter dem Wunsch abzunehmen würden nämlich oft ganz andere Probleme stecken. „Man erwartet von einer Diät, dass sich damit alles verändert. Doch eine Diät hilft nicht dabei, emotionale Befindlichkeiten oder unbefriedigende Situationen zu verändern. Machen Sie etwas anderes, aber keine Diät“, betont Tomaschek.

WHO warnt vor „Übergewichts-Krise“ in Europa

Denn auch nach einer Hungerkur können die Kilos schnell wieder auf den Rippen sein – oder sogar noch mehr als vor der Diät. Vor Übergewicht warnt heute das europäische Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beim Europäischen Kongress zu Übergewicht in Prag. Sie spricht von einer „Übergewichts-Krise enormer Ausmaße“, die in Europa bevorstünde.

2030 werden demnach viel mehr Menschen als bisher mit Fettleibigkeit kämpfen. Die Forscher haben für ihre Prognose Daten zu Übergewicht (Body-Mass-Index ab 25) und Fettleibigkeit (BMI ab 30) von europäischen Männern und Frauen aus dem Jahr 2010 verglichen.

Besonders dramatisch könnte es in Irland sein: Hier werden bis 2030 nach Annahmen der Gesundheitsexperten fast alle Erwachsenen übergewichtig sein. Aber auch in Österreich, wo derzeit zwölf Prozent der Männer und Frauen übergewichtig sind, dürfte die Zahl steigen. „Regierungen müssen mehr tun, um das Marketing für ungesundes Essen zu begrenzen und gesundes Essen erschwinglicher zu machen“, fordert Laura Webber vom britischen Gesundheitsforum, welches das Projekt gemeinsam mit der WHO in Europa durchgeführt hatte.

Fremd- statt selbstbestimmt

Doch schon jetzt werden mit Kochen, Essen und Abnehmen lukrative Geschäfte in Milliardenhöhe gemacht. „Essen ist in unserer Zeit ein ganz wichtiger Faktor. Am Büchermarkt dominieren zum Beispiel Koch- und Diätbucher“, meint Tomaschek.

Was tut mir und meinem Körper gut – darauf suchen die Leser eine Antwort. Vielen ist aber das Körperbewusstsein abhandengekommen, sagt Diätologin Pall. „Sie können auf ihren eigenen Körper gar nicht mehr hören. Durch das heutige Schönheitsideal, Werbung und durchtrainierte, schlanke Vorbilder sind wir fremdbestimmt.“ Das betreffe sowohl zu dicke als auch zu dünne Menschen. Gesundheitliche Probleme können auf beide Gruppen gleichermaßen zukommen.

Sein eigenes Körperbewusstsein wiederzufinden, ist daher ganz wichtig. „In sich hineinspüren“, empfiehlt Tomaschek. Das eigene Wohlbefinden ist Pall ein Anliegen. Ein Idealgewicht gibt es für sie deshalb nicht. „Wir Diätologen reden heutzutage vom Wohlfühlgewicht.“

Zum Diät-Check von Diätologin Edburg Edlinger: http://user.tt.com/download.php?file=62562

Tipps, um gesund und dauerhaft Gewicht zu verlieren

Langfristig zehn Prozent bei der täglichen Kalorienaufnahme einsparen. Auf diese Weise kann man laut der Ernährungswissenschafterin Barbara Prüller-Strasser von der UMIT in Hall pro Monat ein Kilo Körperfett abnehmen.

Treppensteigen statt Liftfahren. Alltagsbewegung unterstützt beim Abnehmen. Also: viele Wege zu Fuß zurücklegen und bei sitzender Tätigkeit zwischendurch aufstehen.

Krafttraining ist effektiver als Ausdauertraining, v. a. wenn es um den Abbau von Bauchfett geht. Prüller-Strasser empfiehlt, dreimal pro Woche laufen zu gehen – moderat beginnen – und zusätzlich ein Krafttraining zu absolvieren.

Gewohnheiten hinterfragen. Müssen es beim Fernsehen wirklich immer Chips und Cola sein?

Konsequent sein. Geht der Zeiger der Waage nach einiger Zeit nicht mehr weiter nach unten, soll man die Kalorienaufnahme nicht zusätzlich reduzieren. Prüller-Strasser empfiehlt, das Training zu intensivieren.

Motivieren. Einmal pro Woche das Gewicht zu kontrollieren, spornt an. Genauso wie ein Ernährungstagebuch und das Dokumentieren der sportlichen Aktivität.

Der Body-Mass-Index (BMI) errechnet sich aus dem Gewicht in Kilo geteilt durch die Quadratzahl der Größe in Metern. Der BMI für sich alleine ist für Prüller-Strasser nicht aussagekräftig. Auch der Bauchumfang zählt. Bei Frauen sollte er nicht über 88 cm, bei Männern nicht über 102 cm liegen.


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