Hirnforscher sucht Bewusstsein: „Nicht den Philosophen überlassen“

Wien (APA) - Am Allen Institute for Brain Science in Seattle erstellt Christof Koch einen Atlas des Gehirns. Das Lebensthema des US-Forscher...

Wien (APA) - Am Allen Institute for Brain Science in Seattle erstellt Christof Koch einen Atlas des Gehirns. Das Lebensthema des US-Forschers, der heute, Mittwoch, die Max Birnstiel Lecture am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien hält, ist ein Teil davon: die Beschaffenheit des Bewusstseins. Im APA-Interview spricht Koch über Philosophie, „Big Science“ und wie es sich anfühlt, eine Biene zu sein.

APA: Ihr Vortrag handelt von den „neuronalen und theoretischen Fundamenten des Bewusstseins“. Bei welchen von beiden setzen Sie als Forscher zuerst an?

Christof Koch: Die Bewusstseinsforschung hat lange Zeit darunter gelitten, dass es keine empirischen Zugänge gab - es war die Domäne der Philosophen. Insofern versuchen wir jetzt erst einmal, Fakten zu schaffen. Wir wissen mittlerweile viel, etwa welche Teile des Gehirns beteiligt sind, und auf Basis dieser Fakten können wir Theorien entwickeln - und Definitionen, was das Bewusstsein überhaupt ist und wer es hat.

APA: Ist das Bewusstsein gerade im Tier-Mensch-Vergleich nicht eher ein Kontinuum?

Koch: Genau. Zunächst mal gibt es ja eine Basis des Bewusstseins, das Wach-Sein. Dafür ist ein sehr kleiner Teil des Gehirns verantwortlich und wenn er beschädigt wird, fällt man ins Wachkoma. Interessanter ist aber das Bewusstsein im Sinne bewusster Wahrnehmung und Empfindung, das weite Teile des primären Kortex betrifft. Ich denke, dass jedes Tier das hat. Aber wie fühlt es sich an eine Biene zu sein? Das ist ziemlich schwer herauszufinden. Wir vermuten, dass Tiere kein Selbst-Bewusstsein haben.

APA: Kann dann das Mäusehirn, mit dem Sie viel arbeiten, Bewusstseinsprozesse überhaupt adäquat abbilden?

Koch: Ein Teil eines Mäusehirns und eines Menschenhirns wären für einen Laien nicht zu unterscheiden und die Basisprozesse der bewussten Wahrnehmung werden kaum sehr verschieden sein. Wir interessieren uns für die einzelnen Neuronen während des Verhaltens. Wenn Sie bei einem Menschen eine funktionelle Magnetresonanztomografie machen, dann flirrt es da nur so vor Aktivität - aber wir wollen die einzelne Zelle ansehen, wollen sie ein- und ausschalten und sehen, was passiert. Das geht bei Menschen nur schwer.

APA: Sie sind wissenschaftlicher Leiter das Allen Institute for Brain Science in Seattle, eine private Initiative von Microsoft-Gründer Paul G. Allen. Dort hat man sich „Big Science“ auf die Fahnen geschrieben. Was bedeutet das konkret?

Koch: Paul Allen hat etwa eine Milliarde Dollar investiert, zwölf Jahre nach der Gründung sind wir etwa 500 Leute und ziehen bald in unser eigenes Gebäude um. Wir machen zwei bis drei große Projekte und gewinnen in tausenden Experimenten unsere Daten. Damit haben wir einen neuronalen Atlas für das Menschengehirn und für das Mäusegehirn erstellt. Alles, was wir herausfinden, wird online zur Verfügung gestellt.

APA: Schon lange vor Ihrer Zeit am Allen Institute haben Sie sich der Frage des Bewusstseins und dem uralten Problem von Geist und Materie verschrieben. Wird es sich jemals lösen lassen?

Koch: Warum denn nicht? Wir haben schon viele andere Rätsel gelöst. Auguste Compte sagte 1835, dass wir niemals wissen werden, woraus die Sterne gemacht sind. Heute wissen wir es und so vieles mehr. Wenn man es nicht versucht, wird man es natürlich nie rausfinden.

APA: Aber im Unterschied zu den Sternen, die wir betrachten und erforschen können, ist das Bewusstsein ja selbst die Brille, durch die wir schauen...

Koch: Das macht es ein bisschen schwieriger, zugegeben. Wir sind uns ja des Bewusstseins nicht einmal bewusst, ebenso wenig wie sich ein Fisch des Wassers bewusst ist, in dem er schwimmt. Trotzdem kann man es untersuchen, anstatt es den Philosophen zu überlassen.

APA: Sie halten wohl nicht allzu viel von der Philosophie.

Koch: Doch, ich lese viel Philosophie und ich habe einige Freunde in dem Gebiet, von denen ich auch Anregungen bekomme. Aber man darf die Philosophen nicht zu ernst nehmen. Die guten erkennt man daran, dass sie richtige und wichtige Fragen stellen. Die Antworten sind dagegen meist völlig unbefriedigend.

APA: Haben Sie diese skeptische Einstellung auch von ihrem langjährigen Weggefährten, dem DNA-Entdecker und Nobelpreisträger Francis Crick?

Koch: Auf jeden Fall. Francis hat einmal einen Artikel geschrieben, war aber viel zu höflich, um ihn zu veröffentlichen. Darin schreibt er, dass alle Philosophie-Institute an den Universitäten geschlossen und in Institute für Wissenschaftsgeschichte umgewandelt werden sollen (lacht).

APA: Hat er nicht auch einmal gekündigt, weil am Campus eine Kapelle eröffnet wurde?

Koch: Ja, das war am Churchill College in England. Francis schrieb einen Protestbrief an Winston Churchill persönlich, eine Kapelle hätte ein einer naturwissenschaftlichen Uni nichts verloren. Churchill antwortete, die Kapelle sei aus rein privaten Mitteln finanziert und stehe darüber hinaus den Gläubigen aller Religionen offen. Crick schlug daraufhin vor, am Campus ein Bordell zu eröffnen, ebenfalls aus privaten Mitteln und offen für alle. Das kam nicht so gut an. Er ist zurückgetreten.

APA: Sie haben vierzig Jahre lang zusammengearbeitet. Was war das wichtigste, das Sie von ihm gelernt haben?

Koch: Nie zu glauben, dass man die Wahrheit gefunden hat. Immer demütig zu bleiben vor der Komplexität. Er hat immer gesagt: „Was, wenn wir etwas übersehen haben?“, er war verrückt nach Daten. Er nannte unsere Tätigkeit „auf Fakten basierende Spekulation“.

(Das Gespräch führte Maria Scholl/APA)

(S E R V I C E - www.alleninstitute.org; www.imp.ac.at)


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