Großbritannien-Wahl: Nicola Sturgeon kann zur Königsmacherin werden

London/Edinburgh (APA/AFP) - „Königin der Schotten“ oder „Gefährlichste Frau Großbritanniens“ - wenn es um Nicola Sturgeon geht, scheut die ...

London/Edinburgh (APA/AFP) - „Königin der Schotten“ oder „Gefährlichste Frau Großbritanniens“ - wenn es um Nicola Sturgeon geht, scheut die britische Presse derzeit keinen Superlativ. Dabei tritt die schottische Regierungschefin bei der Parlamentswahl am 7. Mai gar nicht selbst an.

Allerdings wird ihre Schottische Nationalpartei (SNP) allen Prognosen zufolge stärkste Kraft im Norden. Und Sturgeon könnte dann in London zur Königsmacherin werden.

Die 44-Jährige leitete die Kampagne ihrer Partei für das Unabhängigkeitsreferendum in Schottland. Die Mehrheit stimmte im vergangenen Herbst schließlich gegen die Abspaltung vom Königreich. Doch bescherte die Volksbefragung der SNP enormen Auftrieb, die Zahl der Mitglieder vervierfachte sich.

Sturgeon übernahm von SNP-Schlachtross Alex Salmond die Parteiführung und wurde im November zur ersten Frau an der schottischen Regierungsspitze. Nicht nur deswegen, sondern auch wegen ihrer sachlich-nüchternen Beharrlichkeit wird Sturgeon auf der Insel gelegentlich mit Angela Merkel verglichen.

Durch ihren beherzten Auftritt in einer TV-Wahldebatte sorgte Sturgeon über die Grenzen Schottlands hinaus für Aufsehen. Ihre bissigen Attacken auf die Sparpolitik des konservativen Premierministers David Cameron brachten ihr im linken Lager viel Beifall ein. So mancher neue Anhänger südlich der schottischen Grenze wünscht sich, er könne ihr am 7. Mai seine Stimme geben, doch tritt die SNP nur in Schottland an.

Der Einfluss auf die künftige britische Regierung wird dennoch groß sein. Ein klarer Sieg von Camerons Tories oder von Ed Milibands Labour-Partei zeichnet sich nicht ab. Anfang April bot Sturgeon Miliband Unterstützung auf dem Weg in die Downing Street an - für eine Labour-Minderheitsregierung von schottischen Gnaden. „Ich will nicht, dass David Cameron Premier bleibt“, sagte sie damals vor laufenden Kameras.

Allerdings tauchte kurz darauf eine vertrauliche Gesprächsnotiz auf, wonach sie insgeheim doch auf einen Sieg Camerons setze. Kaffeesatzleser mutmaßen, das würde schneller zu einem zweiten Unabhängigkeitsreferendum in Schottland führen. Zu diesem Ziel bekannte sich Sturgeon öffentlich. Dass sie deswegen aber einen Sieg Camerons wünsche, sei „kategorisch 100 Prozent falsch“.

Obwohl erst 44 blickt Sturgeon schon auf eine lange Parteikarriere zurück. Die Tochter eines Elektrikers wurde in der Industriestadt Irvine südwestlich von Glasgow geboren. Mit 16 trat sie der SNP bei - politisiert durch die Thatcher-Jahre. Die hohe Arbeitslosigkeit damals habe ihr „ein starkes Gefühl für soziale Gerechtigkeit gegeben“, sagte sie der BBC.

Sturgeon studierte Jus und arbeitete als Anwältin. Als 1999 das schottische Parlament aus der Taufe gehoben wurde, gehörte sie zur ersten Welle der Abgeordneten. 2004 hätte sie zum ersten Mal nach dem Parteivorsitz greifen können, überließ aber Salmond den Vorsitz. Seitdem die SNP 2007 stärkste Fraktion wurde, diente sie die meiste Zeit als Gesundheitsministerin in Edinburgh. Mit SNP-Geschäftsführer Peter Murrell ist Sturgeon verheiratet.

Ob sie nun zur Königsmacherin wird oder nicht: Die Zeitung „The Scotsman“ adelte Sturgeon schon im März zur „eindrucksvollsten Politikerin“ von Schottland - und von ganz Großbritannien.


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