Wolf Schneider: Das Thema Sprache ist ausgereizt

Berlin (APA/dpa) - Wolf Schneider zählt zu den bekanntesten deutschen Journalisten der Nachkriegszeit. Erfolg hatte er auch als Buchautor un...

Berlin (APA/dpa) - Wolf Schneider zählt zu den bekanntesten deutschen Journalisten der Nachkriegszeit. Erfolg hatte er auch als Buchautor und „Sprachpolizist“, der u.a. lange Jahre am Kuratorium für Journalistenausbildung in Salzburg lehrte. Am 7. Mai feiert er seinen 90. Geburtstag.

Gleich mehrere Titel wie „Deutsch für Profis“ hat Schneider der deutschen Sprache gewidmet. Genützt habe es aber wenig, sagte er der Deutschen Presse-Agentur (dpa) im Interview. Schreiben werde er darüber nun nicht mehr. „Das Thema ist ausgereizt.“ Aber ein, zwei andere Buchprojekte kann er sich noch vorstellen.

Frage: Als Jugendlicher wollten Sie Schriftsteller werden. Wie viele Romane haben Sie denn geschrieben?

Antwort: Zwei, den ersten mit 16. Sie sind nicht erhalten, ich hatte rechtzeitig die Einsicht, dass es wohl nicht mein Feld sei.

Frage: In Ihrem Abiturzeugnis stand unter Berufswunsch aber „Professor der Philosophie“, nicht Schriftsteller.

Antwort: Ja, mit meinen eigenen Romanen war mein Thomas-Mann-Traum zerstoben. Die Buddenbrooks haben mich unerhört beeindruckt. Dass ich das nicht konnte, war ja klar. So war halt der Professor der Philosophie meine ungefähre Vorstellung - mit dem Hochmut, ich könnte ganz umstürzende Dinge in die Welt setzen.

Frage: Mit 17 sollten Sie zur Waffen-SS, so wie Günter Grass. Sie haben sich dem widersetzen können.

Antwort: Ja, das war 1943. Grass hatte es wohl schwerer. Der Rest von Freiwilligkeit, der bei mir dabei war, ich durfte eben noch Nein sagen, war 1944 möglicherweise nicht mehr vorhanden.

Frage: Wann haben Sie das erste Mal überlegt, Journalist zu werden?

Antwort: Als ich Dolmetscher bei der US-Army war. Da hatte ich zum ersten Mal die Vorstellung, dass könnte ein Beruf sein, so vielseitig wie Philosophie, aber viel praxisnäher.

Frage: Was hat im ganzen Berufsleben am meisten Spaß gemacht?

Antwort: Die Journalistenschule, vom dritten Jahr an. Das erste war sehr schlimm, im zweiten milderten sich die Sitten. Danach war es eine begeisternde Aufgabe.

Frage: Was war beruflich die größte die Niederlage?

Antwort: Der Sturz vom Thron der „Welt“, das war eigentlich die einzige große.

Frage: Hat Ihr lebenslanger Kampf für gutes Deutsch etwas genützt?

Antwort: Wenn ich lese, was heute so gedruckt wird, erkenne ich keinen Fortschritt. Ich habe sicher einen Einfluss größer als null ausgeübt, aber im großen Strom der deutschen Sprache bin ich wohl doch eher a fart in the whirlwind, wie die Amerikaner sagen, ein Furz im Wirbelwind.

Frage: Ärgern Sie sich noch über schlechtes Deutsch, wenn Sie es lesen?

Antwort: Ich ärgere mich sogar noch mehr. Wenn ich früher einen besonders entgleisten Satz fand, habe ich den beim nächsten Seminar vorgelesen, das war ein Trost. Das kann ich nun nicht mehr, weil ich keine Seminare mehr gebe.

Frage: Nehmen Sie noch einen Stift mit, wenn Sie aus dem Haus gehen?

Antwort: Ja, das ist nach wie vor der Fall. Ich habe in jeder Jacke ein paar Zettel und einen Kugelschreiber, um Einfälle festzuhalten.

Frage: Wofür sammeln Sie die?

Antwort: Ein, zwei Buchprojekte laufen noch. Und eine sprachlich sehr schöne Formulierung eines Mitmenschen halte ich einfach fest. Ich möchte nicht, dass etwas Gutes verloren geht. Aber über Sprache schreibe ich nicht mehr, das Thema ist ausgereizt.

Frage: Sie sagen, der Tod sei nichts Schlimmes, wenn die Sterberei nicht wäre.

Antwort: Ja, der Tod schreckt mich nicht, Sterben schreckt mich, das ist ja eine sehr verbreitete Idee.

Zur Person: Wolf Schneider wurde am 7. Mai 1925 in Erfurt geboren und wuchs in Berlin auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Redakteur unter anderem bei AP und der „Süddeutschen Zeitung“. Später war er Chef vom Dienst beim „Stern“, Chefredakteur der „Welt“, Leiter der Hamburger Journalistenschule und Moderator der „NDR Talkshow“.


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