Den Rand in die Mitte gestellt

Der Südtiroler Dietmar Telser wurde für seine Online-Reportage „Der Zaun“ mit dem „Prof. Claus Gatterer-Preis“ für sozial engagierten Journalismus ausgezeichnet.

© Benjamin Stöß

Innsbruck –Von Jänner bis September 2014 wurden 138.796 Bootsflüchtlinge in Italien gezählt. Mehr als 65.000 von ihnen kamen aus Syrien oder Eritrea, einem Staat, der wegen seines repressiven Systems auch den Beinamen „Nordkorea Afrikas“ trägt. Im Gegensatz zu Syrien gelangen von dort kaum Schreckensbilder nach Europa. Doch während die Bilder – ebenso wie andere Waren und Produkte – unaufhörlich fließen, bleiben die Menschen hängen. Die jüngsten Flüchtlingstragödien haben einmal mehr die mediale Betroffenheitsmaschinerie in Gang gesetzt. Während aber um politische Lösungen gerungen wird, ertrinken weiter Menschen im Mittelmeer. Dem Sterben vor der Grenze wollte Europa bereits nach der Flüchtlingskatastrophe bei Lampedusa 2013 ein Ende bereiten, da­ran erinnert die Multimedia-Reportage „Der Zaun“ (www.der-zaun.net). Der Journalist Dietmar Telser hat dafür gemeinsam mit dem Fotografen Benjamin Stöß die Ränder Europas bereist: „Bulgarien, Griechenland, Türkei, Italien, Tunesien und Marokko. Drei Monate lang haben wir nichts anderes gemacht, als mit den Menschen zu reden und ihre Geschichten zu notieren, zu fotografieren und zu filmen“, schreibt der Südtiroler auf der Website der Süddeutschen Zeitung, die nebst einer Crowdfunding-Kampagne das Projekt finanzierte. Das umfassende und erschütternde Bild der Tragödie, das die beiden erstellt haben, wurde nun mit dem mit 5000 Euro dotierten „Prof. Claus Gatterer-Preis“ für sozial engagierten Journalismus ausgezeichnet. Die offizielle Verleihung findet Ende Juni in Linz statt.

Das Projekt, das von der Machart an die ebenfalls ausgezeichnete Online-Reportage „Snow Fall“ der New York Times erinnert, erzählt von der Odyssee von Menschen auf der Flucht vor Krieg und Folter und von jenen, die einfach nur auf der Suche nach einem Leben sind, das man auch als solches bezeichnen kann. Quer durch das Wohlstandsgefälle verläuft der Zaun der Festung Europa. Davor wird verzweifelt, gehofft und gestorben. Telser und sein Fotograf haben für ihre Reportage die Perspektive von Flüchtlingen eingenommen.

Die Webreportage beleuchtet unterschiedliche Aspekte der Flüchtlingsdebatte an sechs Stationen: Das lange Warten in Istanbul – der Stadtteil „Aksaray ist ein Knotenpunkt der Flüchtlingsrouten“. Oder das Hoffen und Bangen in einem Ghetto in den Bergen vor Melilla, wo sich Hunderte Afrikaner trotz Polizeiwillkür ihren Traum von Europa nicht nehmen lassen wollen, viele haben bereits Schwimmwesten gekauft. Dass auch diese keine Überlebensgarantie darstellen, wird spätestens an Orten wie Augusta in Italien offenbar. Dort sind die Behörden von der Flut an Ankommenden, aber auch an Toten vollkommen überfordert. Die überlebenden Flüchtlinge kämpfen indes mit Schuldgefühlen. In Tunesien suchen derweil Angehörige verzweifelt nach auf dem Meer Verschollenen, andernorts, in Griechenland und Bulgarien, leiden Flüchtlinge unter Brutalität und Willkür der Behörden.

Dietmar Telser wurde 1974 in Bruneck geboren. Er studierte in Wien, Göttingen und Hamburg Publizistik, als Journalist war er unter anderem für die NÖN und die ff – Südtiroler Wochenmagazin tätig. Seit 2005 ist er Redakteur bei der Rhein-Zeitung in Koblenz. (sire, APA)


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