Sprachpapst und Bestseller-Autor: Wolf Schneider wird 90

Berlin (APA/dpa) - Beruflich hat Wolf Schneider fast alles erreicht, was zu erreichen war. Etliche seiner mehr als zwei Dutzend Bücher wurde...

Berlin (APA/dpa) - Beruflich hat Wolf Schneider fast alles erreicht, was zu erreichen war. Etliche seiner mehr als zwei Dutzend Bücher wurden Bestseller. Und er arbeitet schon am nächsten. Bald wird er 90 Jahre alt.

Auslandskorrespondent, Chefredakteur, Verlagsleiter, Talkshow-Moderator, Bestseller-Autor und Sprachpapst - das passt kaum in das Leben eines einzelnen Journalisten. Wolf Schneider hat es hinbekommen. Am 7. Mai feiert er seinen 90. Geburtstag.

Zur Welt kam er 1925 in Erfurt, groß geworden ist er in Berlin. Als Maturant wollte er Philosophieprofessor werden. Stattdessen musste er als Soldat in den Krieg. Als die Kapitulation sicher war, überlegte Schneider, ob er sich erschießen soll - und warf die Pistole weg, die er schon in der Hand hatte.

Journalististisch hat er danach fast alles mitgenommen, was in seiner Generation zu haben war: Den Fuß in die Tür bekam er als Übersetzer bei der „Neuen Zeitung“ der amerikanischen Militärregierung in München. Dort wurde er Redakteur, ohne Studium und ohne Volontariat. Seinen ersten Artikel musste er siebenmal umschreiben. Später wechselte er zur Nachrichtenagentur AP, danach zur „Süddeutschen Zeitung“. Dort war er Leiter der Nachrichtenredaktion, häufiger Autor der „Streiflicht“-Kolumne, dann Washington-Korrespondent.

„Stern“-Gründer Henri Nannen holte ihn 1966 in das als Haifischbecken verschriene Magazin nach Hamburg. Schneider wurde erst Chef vom Dienst, dann Verlagsleiter, bevor er 1971 zu Springer wechselte. Unter anderem war er 13 Monate Chefredakteur der „Welt“. Seine unerwartete Ablösung sei seine größte berufliche Niederlage gewesen, sagt er, „eigentlich die einzige große“.

Sein Vertrag blieb bestehen, Schneider machte sich daran, ein Buch zu schreiben: „Wörter machen Leute“, Grundlage für seine Karriere als „Sprachpapst“, genau wie für seinen nächsten Job als Leiter der Hamburger Journalistenschule. Nichts anderes habe ihm in seinem Berufsleben so viel Spaß gemacht, sagt er heute.

Bastian Sick, selbst Autor zum Thema Sprache, sieht in Schneider ein Vorbild: „Ich habe seine Bücher schon als Student verschlungen, mit großer Begeisterung“, sagt er. „Er schreibt unheimlich amüsant, ich war von seiner Art, Sprache zu sezieren, sofort angetan.“ Und Schneiders Sprachkritik sei immer noch aktuell: „Das hat alles noch Gültigkeit.“

Unumstritten war Schneider aber nie: Eitel und arrogant zu sein, musste er sich regelmäßig anhören. Seine Regeln für gutes Deutsch erschienen manchem als dogmatisch, seine Ausbildungsmethoden unter dem Motto „Qualität kommt von Qual“ als autoritär. „Mich hat er nie gequält“, sagt Ildiko von Kürthy, Absolventin der Henri-Nannen-Schule und erfolgreiche Romanautorin. „Und er war nie, nie, niemals langweilig, das hatte ich bei Lehrern noch nicht erlebt. Außerdem schreibt er amüsant, interessant und klug.“ Sein von ihm selbst gesprochenes Hörbuch über das „Glück“ hat sie vor kurzem auf dem Crosstrainer durchgehört: „Noch nie in meinem Leben ist eine Übung so schnell an mir vorbeigerauscht.“

Über zu wenig öffentliche Anerkennung brauchte sich Schneider ebenfalls nicht beklagen: Für sein Lebenswerk erhielt er den Henri-Nannen-Preis, 2014 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse - nicht schlecht für einen, der sich an seinem 20. Geburtstag eigentlich erschießen wollte.

Mit 70 zog er nach Mallorca, mit 80 nach Starnberg. Dort lebt er heute zusammen mit seiner Frau Lilo. Material für weitere Bücher sammelt er regelmäßig. Gerade erst ist seine Autobiografie erschienen. „Der Tod wäre ja nichts Schlimmes - ginge ihm nicht diese elende Sterberei voraus“, schreibt Schneider darin am Schluss. „So blinzle ich ihm denn halbwegs gefasst und leidlich zufrieden zu, dem Tunnel am Ende des langen, schönen Lichts.“


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