Wenn Seele und Familie weinen

Eine Depression betrifft die ganze Familie. Am heutigen Tag der Selbsthilfe geben eine Angehörige und eine Betroffene Einblick in ihr Leben und erklären, warum der Satz „Reiß dich zusammen“ keinem weiterhilft.

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Von Nicole Strozzi

Innsbruck – Nach außen hin verkörperten sie immer die heile Familie. Dass zwei von Maria Fischers Brüdern und ihr Vater an einer Depression litten, wurde so gut es ging geheim gehalten. „Mein Vater war Richter, ein Perfektionist, der es immer allen recht machen wollte“, beschreibt die 64-jährige Innsbruckerin den Charakter ihres mittlerweile verstorbenen Papas.

„Wenn der Vater immer ernster, schwermütiger und unerreichbarer wurde, uns kaum mehr wahrnahm, kannten wir uns als Kinder nicht mehr aus und meinten, schuld daran zu sein. Wenn wir nur braver wären, wäre alles wieder gut. Zum Glück hatten wir eine starke Mutter, die uns wie ein Fels in der Brandung Sicherheit gab“, erzählt Fischer. Kinder, so sagt sie, brauchen nämlich zumindest eine stabile Bezugsperson, die gefühlsmäßig reagieren kann und der sie immer Fragen stellen können.

Familien, die durch die Depression eines Angehörigen überfordert sind, kennt Fischer viele. Heute leitet die Tirolerin die Selbsthilfegruppe HPE – Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter – in Innsbruck und versucht, Angehörige aus der eigenen Erfahrung zu unterstützen.

„Der hat doch alles, der soll sich halt zusammenreißen“

Ansteckend ist eine Depression nicht, erklärt Fischer. Nicht im üblichen Sinn. „Aber die fehlenden Gefühle ziehen mit hinunter und es passiert häufig, dass auch Angehörige sehr unglücklich werden. Man will helfen, vergisst dabei aber die eigenen Bedürfnisse.“ Wichtig sei es daher, möglichst schnell Unterstützung zu suchen, soziale Kontakte und Hobbys weiterhin zu pflegen. Gerade am Anfang sei das aber nicht immer möglich. Typisch für eine Depression ist nämlich, dass man sie nach außen hin oft nicht erkennt und versteht. Es ist einfach, Schmerzen zu erklären, da solche nachvollziehbar sind. Aber wie soll man einem Nichtdepressiven erklären, wie es ist, wenn die Seele wehtut und man sich über nichts mehr freuen kann? Außenstehende fragen sich dann: „Was will denn der? Der hat doch alles, der soll sich halt zusammenreißen.“

„Reiß dich zusammen“ – ein kränkender Satz für Menschen in einer Depression, sagt Anna (richtiger Name der Redaktion bekannt). Man will ja funktionieren, aber es geht nicht mehr, weiß die junge Frau. Seit sie zwölf ist, leidet die Tirolerin an Depressionssymptomen. „Ich hatte eine gute Kindheit, meine Eltern sind gebildet und ich wuchs mit drei Geschwistern auf“, erzählt sie. In diesem Alter denkt man noch, das sei die Pubertät, aber dann tauchten die ersten Schlafstörungen auf. Mit etwa 16 wurde das erste Mal die Diagnose Depression gestellt, nachdem Anna zwei Wochen lang durchgeweint hatte.

Von der Depression in die Manie

Anna suchte selbstständig einen Psychiater auf. „Ich habe Tabletten gebraucht, mit denen ich auch die Matura schaffte, aber während meines Studiums merkte ich, dass der Druck zu groß ist.“ Anna spürte, dass sie krank wurde. Sie war 19, als sie, wie sie sagt, in ein schwarzes Loch fiel. Die Studentin kämpfte mit so genannten „Losigkeitsgefühlen“ und starker innerer Unruhe. Alles war sinnlos, alles zu viel. Ihr war, als würde sie eine Maske tragen.

Als Anna von der Depression in eine Manie rutschte, verlor sie komplett die Kontrolle, litt zum Teil an Halluzinationen. „Ich glaubte damals, ich sei eine berühmte Persönlichkeit“, erinnert sich die Frau. Die Manie konnte zwar abgefangen werden, aber die verabreichte Tablettendosis war viel zu hoch. „Die Medikamente wirkten extrem dämpfend. Ich schaffte es nicht mehr, zwei Zeilen zu lesen, und konnte keinen Gesprächen mehr folgen. Ich war wie ausgeschaltet und wurde mit 22 Jahren in Pension geschickt“, blickt Anna zurück. „So wollte ich nicht weitermachen.“

Nach einem Suizidversuch schaffte es die Frau, noch selbst die Rettung zu holen. „Mein jetziger Arzt hat mir das Leben gerettet“, ist sich Anna sicher. Mit der richtigen Medikamentendosierung und einer Gesprächstherapie ging es aufwärts. Das war vor 14 Jahren. Heute ist Anna Mitglied in der Selbsthilfegruppe „SHG Sprachrohr“ und es geht ihr gut. „Ich kann ein sinnvolles Leben leben, freue mich auf Dinge, habe Hobbys. Ich bin zwar nicht voll belastbar, aber habe weniger Druck.“ Ihre Familie sei immer hinter ihr gestanden, habe auf sie geschaut – obwohl es nicht immer leicht war. Die Menschen würden halt schnell das Thema wechseln, wenn es um Depression geht. Es sei eben immer noch ein Stigma.

„Beim Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine im März“, ergänzt Maria Fischer, „da hieß es z. B. sofort: Der Pilot war depressiv.“ Dabei wurde gar nicht differenziert. Das trifft Patienten und Angehörige hart. Aufklärung sei daher wichtig, sind sich die Frauen einig. „Ich will den Menschen auch Hoffnung machen“, sagt Anna. „Es kann gut werden.“

Heute, am 7. Mai, findet unter dem Motto „Selbsthilfe wirkt“ der Tag der Selbsthilfe im Landhaus 1 in Innsbruck (Meraner Straße) statt. Mit Vorträgen und einer kostenlosen Gesundheitsstraße will die Selbsthilfe Tirol von 10 bis 17 Uhr auf die Chance der Selbsthilfe hinweisen. U. a. findet um 11.25 Uhr das Dialoggespräch „Depression betrifft die ganze Familie“ zwischen Maria Fischer (Leitung HPE-Gr.) und einem Mitglied der SHG Sprachrohr statt. Eintritt frei. Infos: www.selbsthilfe-tirol.at

4 Fragen an Prof. Wolfgang Fleischhacker, Direktor Uni-Klinik Psychiatrie Innsbruck

Wann sollten Angehörige bei einer möglichen Depression hellhörig werden? Wenn über einen längeren Zeitraum Lust und Freude an Dingen verloren gehen, die früher Freude bereitet haben. Bei Energieverlust und wochenlang gedrückter bzw. bei jungen Männern mitunter aggressiver Stimmung.

Wie sollten Familienmitglieder handeln?

Den Menschen auf den Leidensdruck ansprechen und erarbeiten, wo man Hilfe holen kann. Ein Psychiater wäre naheliegend, aber in vielen Fällen herrscht nach wie vor eine Schwellenangst. Hausärzte sind da sehr hilfreich.

Was tun, wenn Hilfe abgelehnt wird?

Die meisten haben zumindest eine Bezugsperson, gerade bei Jugendlichen sind dies oft Freunde. Diese sollten aber zu professioneller Hilfe motivieren. Schwierig wird es, wenn versucht wird, den Menschen selbst aus der Depression herausholen zu wollen. Wir erleben oft, dass sich Angehörige, für die die Situation sehr belastend ist, damit überfordern.

Oft herrscht noch die Sorge: Was sagen die Leute?

Ja, aber das Thema Depression ist mittlerweile ziemlich enttabuisiert worden, es gibt z. B. viele Promis, die sich outen. Gefährlich wird es aber, wenn eine wirkliche Depression unter dem Deckmantel „Burnout“ verharmlost wird. Der Ratschlag „Du musst einmal ausspannen“ verschlimmert da die Erkrankung.


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